Reiche holen Geld aus Steueroasen zurück

9. Juni 2016, 13:36
92 Postings

Die Konzentration der Vermögen bei Reichen und Superreichen nimmt weiter zu. Österreich bleibt hinter dem Trend zurück

Wien – Die globale Vermögensungleichheit steigt weiter. Das weltweite Finanzvermögen der Haushalte legt ebenfalls zu, allerdings nicht mehr so schnell wie in den vergangenen Jahren. Das sind die beiden Hauptergebnisse des Global Wealth Report 2016, der von den Unternehmensberatern der Boston Consulting Group veröffentlicht wurde.

Das private Geld-, Aktien- und Anleihenvermögen beläuft sich global auf inzwischen 168 Billionen US-Dollar (148 Billionen Euro). Fast die Hälfte davon, 47 Prozent, um genau zu sein, ist in Händen von Dollarmillionären, welche ein Prozent der Weltbevölkerung stellen.

Boston Consulting befragt für seinen jährlich erscheinenden Bericht 130 führende Vermögensberater. Das private Vermögen wächst in der Region Asien/Pazifik (ohne Japan) am schnellsten. Die meisten Millionäre sitzen in den USA, gefolgt von Europa. Die stärksten Zuwächse im vergangenen Jahr gab es in der Kategorie jener Superreichen, deren Vermögen sich auf 20 bis 100 Millionen US-Dollar beläuft.

Rückgang in Steueroasen

Eine interessante Entwicklung betrifft die Offshore-Zentren, also Finanzplätze wie die Schweiz, Luxemburg, Liechtenstein und die britischen Kanalinseln sowie Überseegebiete. Das in Steueroasen geparkte Finanzvermögen aus den USA, Europa und Japan ging 2015 leicht, um drei Prozent, zurück. Viele wohlhabende Bürger holen offenbar ihre Gelder zurück. Boston Consulting nennt den steigenden Druck im Kampf gegen Steuersünder als den Hauptgrund für diese Repatriierung.

Zahlreiche Enthüllungen wie jene zu den Panama Papers hatten in den vergangenen Jahren dazu beigetragen, dass das Thema Steuergerechtigkeit dauerpräsent geblieben ist. Sorgen müssen sich die Banken und Finanzdienstleister in Offshore-Zentren dennoch keine machen. Denn der Abfluss von Geldern aus Europa und den USA wurde mehr als kompensiert. So nutzen immer mehr Anleger aus Entwicklungs- und Schwellenländern Steueroasen. Inzwischen stammen nur mehr 35 Prozent der Gelder dort aus Industriestaaten. Das größte Offshore-Zentrum der Welt bleibt die Schweiz.

Eine Bemerkung am Rande: Während die Industriestaaten von den aufgedeckten Affären profitiert haben, kämpft das International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) mit Finanzproblemen. Das ICIJ hatte die Veröffentlichung der Panama Papers koordiniert. Wie die "New York Times" berichtete, geht der Organisation das Geld aus. Zuletzt mussten drei Mitarbeiter gekündigt werden. Das ICIJ hat auch seine eigene Büroadresse aufgegeben.

Schwache Entwicklung

Bei der Entwicklung des privaten Vermögens droht Österreich sukzessive den Anschluss an Westeuropa zu verlieren. Im Vorjahr erzielten die Haushalte bloß einen Zuwachs von 3,5 Prozent verglichen mit 4,3 Prozent in der gesamten Region, wie aus dem Wealth Report hervorgeht. Dieser kleine Unterschied entfaltet über die Jahre wegen des Zinseszinseffekts eine große Wirkung.

"Wir sehen nach wie vor, dass die Vermögensentwicklung in Österreich schwächer ausfällt als im Rest Europas", meint Holger Sachse, Partner bei Boston Consulting. "Das liegt vor allem daran, dass die Aktienquote tiefer ist. Das schlägt in Zeiten niedriger Zinsen besonders stark durch." Konkret waren die Österreicher demnach 2015 mit einem Anteil von 44 Prozent am stärksten in Sparanlagen investiert, zu 27 Prozent in Anleihen und 28 Prozent in Aktien – verglichen mit 42 Prozent im Europaschnitt. "Der Aktienanteil ist in den letzten Jahren schon etwas angestiegen", erklärt Sachse. Jedoch ortet er auch bremsende Faktoren wie die Wertpapier-KESt oder auch die Regulierung wie etwa die kommende EU-Richtlinie Mifid II, die laut Sachse für Banken Beratung verteuert und für Aktien bei kleineren Vermögen unrentabel macht. In Österreich sollten vielmehr "Rahmenbedingungen geschaffen werden, die nichtzinsgebundene Anlagen begünstigen. Das ist auch eine Frage der Altersvorsorge."

Für Sachse ist es essenziell, dass besonders junge Leute vermehrt in Aktien investieren. "Wenn in jungen Jahren die Rendite fehlt, kann man das später nicht mehr aufholen." Ein 80-jähriger Sparer sei nicht mehr für Aktienanlagen zu gewinnen, das würde auch keinen Sinn ergeben. Dennoch empfiehlt Sachse, einen Gesinnungswandel in Österreich anzustoßen: "Bei einer Aktie handelt es sich nicht um ein Zockerpapier, sondern sich um eine Möglichkeit, sich am Kapital-stock einer Volkswirtschaft zu beteiligen."

Dass im Vergleich die Schweiz mit 40 Prozent eine wesentlich höhere Aktienquote aufweist, erklärt der Boston-Consulting-Partner mit mehreren Faktoren: einem höheren Kapitalstock pro Einwohner, da das Land im 20. Jahrhundert keine Kriege geführt hat, oder auch dem großen, liquiden Kapitalmarkt der Eidgenossen.

Bessere Rahmenbedingungen

Generell hält er Länder mit unterentwickelten Aktienmärkten, etwa in Osteuropa, beim Kapitalaufbau für benachteiligt. Das trifft laut Sachse aber auf Österreich trotz der kleinen Wiener Börse nicht zu, denn "Österreicher können ohne Währungsrisiko an den Börsen anderer Länder der Eurozone investieren".

Sachse führt dies unter anderem auf volkswirtschaftliche Entwicklungsmuster zurück, wonach in aufstrebenden Staaten wie China oder gesamten Regionen der steigende Wohlstand zunächst die oberen Bevölkerungsschichten beglückt. "Die Demokratisierung des Vermögens findet erst im Lauf der Zeit statt." (Alexander Hahn, András Szigetvari, 9.6.2016)

  • Artikelbild
    grafik: standard
  • Die vielkritisierten Steueroasen erleben einen kleinen Schwund: Das dort geparkte Finanzvermögen aus den USA, Europa und Japan ging 2015 leicht, um drei Prozent, zurück. Viele wohlhabende Bürger holen offenbar ihre Gelder zurück.
    foto: ap/villagran

    Die vielkritisierten Steueroasen erleben einen kleinen Schwund: Das dort geparkte Finanzvermögen aus den USA, Europa und Japan ging 2015 leicht, um drei Prozent, zurück. Viele wohlhabende Bürger holen offenbar ihre Gelder zurück.

Share if you care.