Flüchtlingskoordinator Konrad hört Ende September auf

9. Juni 2016, 17:25
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"Ich werde so nicht weitermachen", sagt der frühere Raiffeisen-Generalanwalt. Er war bis 30. September bestellt – Flüchtlingsquartier in Wien-Neubau stellt auf Grundversorgung um

Wien – Er wurde von der Regierung bestellt, um die Flüchtlingskrise zu bewältigen. Seine bis 30. September laufende Bestellung wird Flüchtlingskoordinator Christian Konrad nicht verlängern. "Ich habe eine Bestellung bis 30. September, und ich werde so nicht weitermachen", sagte Konrad am Donnerstag im Ö1-"Mittagsjournal".

"Der Job als Koordinator war immer auf ein Jahr befristet", sagte sein Sprecher auf STANDARD-Anfrage. Von dem Thema will Konrad sich aber nicht verabschieden und sich weiter in dem von ihm gegründeten Verein "Österreich hilfsbereit" engagieren.

Im August 2015 von Regierung bestellt

Der ehemalige Raiffeisen-Generalanwalt war im August 2015 von der Regierung zum Flüchtlingskoordinator bestellt worden, um zwischen Ländern, Gemeinden und Organisationen zu vermitteln. Auch Kampagnen entwickelte er mit, um die Flüchtlingsarbeit in den Mittelpunkt zu stellen. Gemeinsam mit Rotkreuz-Präsident Gerald Schöpfer präsentierte er am Donnerstag eine neue Website, um freiwilliges Engagement stärker in den Fokus zu rücken. Für Sonntag wurde kurzfristig ein Treffen von Organisationen in Salzburg einberufen.

Nach dem Brandanschlag auf das vom Roten Kreuz betriebene Asylquartier in Altenfelden zeigte sich auch Konrad betroffen. "Ja, das war ein Schock", sagte er. "Es war das erste Mal, hoffentlich auch das letzte Mal." Dennoch werde weitergebaut, bekräftigte der Flüchtlingskoordinator. "Wir sind betroffen, aber nicht beeindruckt. Wir lassen uns nicht davon entmutigen."

Transitquartier wurde Flüchtlingsunterkunft

Am Donnerstag besuchte Konrad noch in seiner Funktion ein Quartier in Wien-Neubau. Das Bürogebäude in der Lindengasse war eigentlich als Transitquartier für die am Westbahnhof Ankommenden gedacht. In den Spitzenzeiten wohnten hier 600 Asylsuchende. Insgesamt waren es 50.000.

Heute leben in der Unterkunft noch 100 Personen, 70 weitere Familienmitglieder sollen noch einziehen. Die Bewohner sind in der Grundversorgung und warten auf den Asylbescheid. Im ersten Stock lebt die 27-jährige Faduma mit ihrer Tochter. Das einjährige Mädchen auf ihrem Arm wurde auf der Flucht geboren. Drei weitere Kinder hat die damals schwangere Frau in Somalia zurückgelassen. Kontakt hat sie heute keinen mehr mit ihnen. Das neue Heim stimmt die Mutter hoffnungsvoll. In ihrer alten Unterkunft hätten sie kaum jemanden gehabt, der sich um sie gekümmert hat.

"Die Betreuung geht weiter, zigtausende Menschen arbeiten täglich und von der Öffentlichkeit unbemerkt in der Flüchtlingshilfe", sagt Konrad bei einem Rundgang in der Lindengasse. Die gute Entwicklung in dem Quartier sei auch der lokalen Umgebung geschuldet: Die Nachbarn hätten die Situation "nicht ausgehalten, sondern geholfen".

Großes Engagement

Die Bevölkerung habe "ungeheure Kraft" gezeigt, sagt auch Schöpfe. Die Hilfsbereitschaft sei in den vergangenen Monaten sogar gestiegen. 123.000 Menschen würden sich mittlerweile über das Rote Kreuz und das Team Österreich für Flüchtlinge engagieren.

Einer von ihnen ist Ehsan Kahil. Er ist selbst Syrer und vor neun Monaten mit seiner Familie nach Österreich gekommen. Heute teilt er in dem Flüchtlingsquartier Gewand, Spielsachen und Hygieneartikel aus, kocht, übersetzt oder räumt auf – jeden Tag von zwölf Uhr mittags bis neun am Abend. Weil er während des Asylverfahrens keine Arbeit annehmen darf, habe er "viel Zeit". (ook, APA, 9.6.2016)

  • Zum Brandanschlag auf die Flüchtlingsunterkunft in Altenfelden sagte Christian Konrad: "Wir sind betroffen, aber nicht beeindruckt. Wir lassen uns nicht davon entmutigen."
    foto: apa/herbert neubauer

    Zum Brandanschlag auf die Flüchtlingsunterkunft in Altenfelden sagte Christian Konrad: "Wir sind betroffen, aber nicht beeindruckt. Wir lassen uns nicht davon entmutigen."

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