Mindestlohn: Zu starke Anhebung kostet Arbeitsplätze

9. Juni 2016, 10:00
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Laut Studie sind KV-Mindestlöhne teils zu hoch und gefährden Jobs. Die "optimale" Untergrenze suchen Ökonomen schon lange

Wien – Was ist der Wert von Arbeit? Eine Frage, an der sich schon viele abgearbeitet haben, und auf die es keine eindeutige Antwort geben kann. Speziell die absolute Untergrenze für einen Vollzeitjob ist hochumstritten. Einer Studie der arbeitgebernahen Denkfabrik Agenda Austria zufolge eilen die kollektivvertraglichen Mindestlöhne in mehreren Branchen der Produktivität davon. Mit anderen Worten: Sie seien zu hoch. Unternehmer seien deshalb eher geneigt, Arbeitskraft durch Maschinen zu ersetzen, aufgrund der höheren Produktionskosten ins Ausland zu gehen oder schlichtweg Mitarbeiter einzusparen.

Liegt der Wert hingegen unter dem errechneten "Optimum", lehnt ein Teil der Arbeitnehmer es ab, für so wenig Geld arbeiten zu gehen. Auch in diesem Fall gehen also Arbeitsplätze verloren – wenn auch weniger, ist die Alternative "Einkommensverlust" doch kaum akzeptabel.

Unterschiedliche Ergebnisse

Zum ökonomisch "optimalen" Mindestlohnniveau gibt es eine Vielzahl an Studien, die Antworten liegen teils weit auseinander. Wo manche Berechnungsmodelle eine Erhöhung als sinnvoll erachten, sprechen andere von einer fahrlässigen Gefährdung des Wirtschaftsstandorts. Während sich die meisten Studien aber auf gesetzliche Mindestlohnregelungen konzentrieren, wie sie etwa in den USA und den meisten EU-Ländern bestehen, vergleicht die Agenda-Austria-Studie einzelne Kollektivverträge in Österreich. Hierzulande gelten je nach Branche unterschiedliche Untergrenzen, die um bis zu hunderte Euro auseinanderliegen.

Der "Optimalwert" basiert hier auf Daten zum Beschäftigungseffekt von Mindestlohnveränderungen aus den Jahren 2008 bis 2015. Eine wichtige Rolle spielt der Faktor Produktivität, also die Wertschöpfung pro geleistete Arbeitsstunde. "Je produktiver eine Branche, desto eher verkraftet sie einen hohen Mindestlohn", sagt Michael Christl, einer der Studienautoren – ein Mitgrund, wieso Arbeitnehmer etwa im Baugewerbe oder im Handel vergleichsweise dürftige Löhne hinnehmen müssen.

1.230 Euro brutto zum Überleben

Während die KV-Löhne dieser Sektoren in den vergangenen Jahren ähnlich stark wie in anderen Branchen gestiegen sind, entwickelte sich das "optimale" Lohnniveau schlechter als in anderen Branchen. Christls Schlussfolgerung: Die Lohnfestsetzung sollte sich in diesen Sparten stärker an der Produktivität orientieren. In fünf von sieben untersuchten Branchen sollten demnach die Mindestlöhne teils empfindlich gesenkt werden. So liege der durchschnittliche Mindestlohn im Handel mit Stand Juni 2015 bei 1.439 Euro brutto. Der "optimale" Wert läge laut Studie bei 1.230 Euro brutto – für einen Vollzeitjob, wohlgemerkt.

In den restlichen zwei Branchen – Verkehr und Lagerei sowie Beherbergung und Gastgewerbe – würde laut dem Modell hingegen eine Anhebung zu mehr Beschäftigung führen.

Für Gewerkschafter naturgemäß eine Zumutung. Der ÖGB fordert eine Anhebung aller Mindestlöhne auf mindestens 1.700 Euro brutto, das entspricht nach Abzug von Steuern und Sozialversicherung 1.253 Euro netto. Die niedrigsten KV-Lohngruppen liegen derzeit bei 866 Euro brutto für Zeitungszusteller und 1.100 Euro für Taxifahrer.

Arbeitsmarktexpertin Christine Mayrhuber vom Wirtschaftsforschungsinstitut sieht eine noch drastischere Unterscheidung kritisch. Bei Berufsbildern mit tendenziell geringeren Qualifikationsanforderungen wie im Handel oder auf dem Bau seien die Beschäftigten stärker von niedrigen Einstiegsgehältern betroffen. "Es gibt den Konsens, die gesamtwirtschaftliche Produktivitätsentwicklung als Messlatte zu nehmen, nicht die Branchenproduktivität", so Mayrhuber.

Produktivität entscheidet nicht allein

Dass alle Arbeitnehmer möglichst gleichmäßig am Produktivitätszuwachs der Wirtschaft teilhaben sollen, fordert auch Bernhard Achitz. "Neben der Produktivität fließen viele andere Faktoren in die Lohngestaltung ein, etwa die Sicherung der Kaufkraft", so der leitende ÖGB-Sekretär. In Deutschland, wo seit Anfang 2015 ein flächendeckender Mindestlohn von 8,50 Euro gilt, seien "Horrorszenarien", die einen massiven Verlust von Arbeitsplätzen prognostizierten, nicht eingetreten.

Ökonom Christl hingegen ist sich da nicht so sicher: Weil sich Arbeitgeber erst nach einiger Zeit auf die neuen Rahmenbedingungen einstellen würden, könne man noch kein endgültiges Resümee ziehen. Einig sind sich die Befragten dabei, dass in Österreich mit seinem kollektivvertraglichen Abdeckungsgrad von 95 Prozent ein gesetzlicher Mindestlohn nicht notwendig sei. Der Rest werde großteils durch andere Regelungen wie Betriebsvereinbarungen abgedeckt, meint Achitz. (Simon Moser, 9.6.2016)

  • Gerade in Branchen, in denen verhältnismäßig viele ungelernte Arbeiter tätig sind, etwa am Bau, bekommen viele nur den kollektivvertraglichen Mindestlohn.
    foto: dpa/daniel karmann

    Gerade in Branchen, in denen verhältnismäßig viele ungelernte Arbeiter tätig sind, etwa am Bau, bekommen viele nur den kollektivvertraglichen Mindestlohn.

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