Sibylle Berg: Den rechten Schuh auf die linke Wange

9. Juni 2016, 07:00
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Ein Porträtfilm macht aus der bekannten Schriftstellerin eine unbekannte Größe

Wien – Irgendwie wartet man in diesem Film auf derartige Sätze. Etwa wenn Sibylle Berg den Künstler Jonathan Pylypchuck besucht und angesichts seiner Puppenfiguren mit den komischen Knopfaugen konstatiert: "Eine Mischung aus traurig und albern. So bin ich auch." Das könnte man dann als Moment der Selbsterkenntnis verstehen oder aber vielleicht einfach als gut platziertes Bonmot für die Kamera, weil Sibylle Berg natürlich sehr genau weiß, was die Leute gerne von ihr hören. Und sehen. Und lesen.

foto: polyfilm
"Wenn es sich vermeiden lässt, treffe ich mich ja nicht mehr zu Interviews." Für diesen Film hat sie es doch getan, der Besuch des von John Lautner entworfenen Hauses in Los Angeles ist Sibylle Berg aber wichtiger. Zu Recht.

Sätze wie diesen gibt es also einige in diesem Film mit dem schönen Titel Wer hat Angst vor Sibylle Berg?, doch die Gefürchtete schreibt ihre Bestseller nicht wie Virginia Woolf und ihre Theaterstücke nicht wie Edward Albee. Die deutsch-schweizerische Schriftstellerin durchwandert vielmehr die Formen und Formate, und wer noch nicht ihre Glossen oder Kolumnen wie S.P.O.N. – Fragen Sie Frau Sibylle auf Spiegel online gelesen hat, dem entgeht Wissenswertes wie zum Beispiel der geopolitische Problemlösungsansatz von voriger Woche: Verschwinden wir als Freunde.

Berg twittert auch viel und gerne. Im Film kommt das ein paarmal vor, am prominentesten an jener Stelle, an der es zu einer kleinen Diskussion mit den Filmemacherinnen Wiltrud Baier und Sigrun Köhler kommt, ob es sich bei dem Kraut am Wegesrand nun um Waldmeister oder das Gemeine Labkraut handelt. Ein Tweet soll das klären, gewettet wird um ein Abendessen. Das Ergebnis der Recherche bleibt vage, niemand da draußen weiß genau Bescheid. Das ist toll, weil bezeichnend für diesen Film, der auch nicht genau weiß, was er eigentlich will, dabei aber Sibylle Berg als Phänomen immer auf der Spur bleibt. Und sie überhaupt nicht erklären will oder auch gar nicht darf, um sich sein Faszinosum zu erhalten.

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Bizarre Performance

Die deutsche Kritik hat diesem Film mehr oder weniger flächendeckend vorgeworfen, dass er das Leben und die Arbeit Sibylle Bergs nicht vermitteln würde, man diese Frau nicht verstehen könne. Als ob das notwendig und prinzipiell Aufgabe eines Porträts wäre. Diesem Film geht es um etwas anderes: Er taucht mit unglaublicher Naivität abrupt ein in die ihm offensichtlich fremde Welt seiner Protagonistin – die ihm bis zuletzt ebenso fremd bleibt. "Doku-Schlampen" nennt Berg die Filmemacherinnen einmal, aber das meint sie gar nicht böse. In den für ihre Arbeit wichtigen Momenten muss die Kamera ausgeschaltet werden. Dieser Film hat für Berg keine Priorität, und das ist gut so. Denn das ist Authentizität – von der "ich nicht weiß, was das ist". Deshalb könne sie das schwierige Wort nicht aussprechen.

Es genügt auch vollkommen zu sehen, wie sie etwa zu Beginn des Films mit dem Milliardär James Goldstein durch dessen von John Lautner entworfenes Haus in Los Angeles flaniert, in sagenhaft schlechtem Englisch spricht ("Rick Owens! I have his Hose on me!") und diese bizarre Begegnung zur Performance werden lässt. Warum sie dort ist, erfährt man nicht. Oder wenn sie im Schweizer Bergdorf, wo ihr von Verlagen fünfzig Mal abgelehnter Debütroman Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot (1997) entstanden ist, beiläufig anmerkt, dass sie Max Frisch hasse. Natürlich könnte man da nachfragen, genauso über Bergs Jugend in der DDR. Aber andererseits – warum eigentlich? Thomas Mann findet Berg übrigens nur blöd.

Wer hat Angst ...? funktioniert wie eine Aneinanderreihung Berg'scher Auftritte, hin und wieder sind Freundinnen wie Heike Makatsch im Bild oder ein TV-Studio bei Olli Schulz, bei dem sie sich als Meisterin des Spagats präsentiert. Dann sitzt Berg am Flussufer und beweist ihre Gelenkigkeit, indem sie sich die Schuhsohle ins Gesicht drückt. "So wollen wir mal Günter Grass sitzen sehen!" Eher nicht. Oder doch? Egal.

Auf eine wirkliche Dummheit reagiert Berg angemessen: Eine solche "vollkommen idiotische Kackfrage" beantworte sie nicht. Da ist dieser Film zum Glück an die Richtige geraten. (Michael Pekler, 9.6.2016)

Info

Ab 10.6. im Kino

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