Performance: Die Nacht der lebenden Statuen

8. Juni 2016, 17:25
posten

Eine apokalyptisch-witzige Performance der Choreografin Marlene Monteiro Freitas

Wien – So etwas passiert: Ein bereits innerlich abgetöteter Körper hampelt noch lange weiter durch seine Restbiografie. Als ein sozialer Mutant, als hippe Gliederpuppe oder einfach als absurde Maske seiner selbst. Dazu hat die von den Kapverden stammende Choreografin Marlene Monteiro Freitas (37) eine entlarvende Farce fabriziert: De marfim e carne – as estátuas também sofrem (übersetzt: "Aus Elfenbein und Fleisch – auch Statuen leiden"), zu sehen nur noch am Donnerstag bei den Festwochen in der Museumsquartier-Halle G.

Freitas' Figuren sind von Beginn an untote, vorübergehend ins Leben gestoßene Karikaturen auf billiger Bühne. Sieben verschminkte Gestalten in hybriden blauen Kostümen und mit geschwärzten Füßen, deren eckige Bewegungen wie Abfolgen kaum kontrollierbarer Tics erscheinen.

Manisch heiter quälen sie sich durch eine Party mit Musik und Tschinderassa. Trümmer von Erinnerungen scheinen sie zu verfolgen. Ein Mann erzählt etwa, aus der Perspektive einer Frau, mit schlürfender Stimme von Sex am Strand, vom Sex nach dem Sex und nachfolgender Schwangerschaft. Dann singt die Gruppe einen Song von Arcade Fire: "My body is a cage that keeps me from dancing with the one I love ..."

In dieser Nacht der lebenden Statuen ist das Fleisch nur Einbildung, die Durst auf Entgrenzung macht. Es ist eine Sehnsucht, die in sich selbst steckenbleibt, als niederschmetternd komische Geschichte, deren Moral sich in den Gesichtern der Gestalten als klaffendes Grinsen verklemmt. Der abgründige Witz, der darin steckt, geht auch den konsterniert Lachenden im Publikum tief unter die Haut.

Vor allem, wenn Freitas selbst zur Intrada-Melodie des Pas de deux im dritten Akt von Tschaikowskys Ballett Der Nussknacker torkelt: mit verspreizten roten Fingern vor dem aufgerissenen, triefenden Mund. Das ist der Höhepunkt der von stummem Geschrei getragenen Apokalypse (Offenbarung) des Sinns in diesem Werk. Der Tanz Aus Elfenbein und Fleisch kann auch als Parodie auf das absurde Theater gelesen werden. Sie widerspiegelt den kalten Zwangsoptimismus der Gegenwart, der seine Anhänger als wohlgeölte Automaten vor sich her peitscht.

Am Ende wird im Chor und mit Bezug auf Nina Simones Interpretation der Song Feelings gesungen. Das ist so bitter und entwaffnend wie die ganze Performance von Marlene Freitas, die bei den Festwochen bereits vor zwei Jahren mit ihrem Solo Guintche beeindruckte. (Helmut Ploebst, 8.6.2016)

  • Durst nach Entgrenzung: Festwochen-Gast Freitas.
    foto: pierre planchenault

    Durst nach Entgrenzung: Festwochen-Gast Freitas.

Share if you care.