Altersvorsorge steht auch auf drei Beinen unsicher

8. Juni 2016, 17:29
327 Postings

Betriebliche und persönliche Vorsorge kommen laut Experten zu kurz, die Altersvorsorge in Österreich werde bereits "künstlich beatmet"

Wien – Über den Reformwillen der heimischen Politik in Sachen Altersvorsorge findet Barbara Bertolini wenig schmeichelhafte Worte. Trotz besseren Wissens würde diese auf der Behauptung beharren, dass "die Pensionen sicher sind". Dabei vertritt die Finanzexpertin die gegenteilige Ansicht: "Die Uhr tickt. Die Altersvorsorge in Österreich wird bereits künstlich beatmet", meint die Organisatorin des bis Freitag angesetzten Altersvorsorge- und Investorengipfels 2016. Dazu hat sie auch heimische Politiker eingeladen, die meisten hätten jedoch abgesagt, da sie "das Rendezvous mit der Realität scheuen" würden.

Nicht zugetroffen hat dies auf Neos-Chef Matthias Strolz, der dem heimischen Pensionssystem sowohl Gerechtigkeit als auch Nachhaltigkeit abspricht: "Es wird sich ein System breitmachen, das Altersarmut heißt." Die erste Säule, das staatliche Umlageverfahren, solle zwar die wichtigste Säule bleiben, jedoch spricht sich Strolz für eine Stärkung der beiden anderen Säulen, der betrieblichen und persönlichen Vorsorge, aus – etwa durch steuerliche Anreize. "Steuerbefreiung halten wir für einen wichtigen Beitrag für das Gemeinwohl."

Kaufkraft der Pensionisten

Die volkswirtschaftlichen Auswirkungen des Erhalts der Kaufkraft von Pensionisten, deren Bevölkerungsanteil laut Statistik Austria von derzeit 18 bis 2060 auf 29 Prozent ansteigen soll, bringt Andreas Zakostelsky ins Spiel. Laut dem ÖVP-Finanzsprecher und Obmann des Fachverbands der Pensionskassen in der Wirtschaftskammer wird die erste Säule dazu nicht dauerhaft reichen.

Unter seinen Forderungen findet sich unter anderem die Erweiterung der Zukunftsvorsorge um eine Variante ohne Kapitalgarantie, da höhere Aktienquoten auf lange Sicht die höchsten Renditen einfahren würden: "Vernünftiges Risiko muss möglich sein." Zudem spricht sich Zakostelsky für zusätzliche Veranlagungsmöglichkeiten aus, etwa im sozialen Wohnbau.

Derzeit beziehen Österreichs Pensionisten ihr Einkommen zu 90 Prozent aus dem staatlichen Umlageverfahren, der Rest verteilt sich etwa gleich auf die zweite und dritte Säule. Anspruch auf künftige Zusatzpensionen hat etwa jeder vierte Österreicher.

Dass nicht jede Reform eine dauerhaft gelungene sein muss, betont Heribert Karch von der deutschen Arbeitsgemeinschaft für betriebliche Altersvorsorge: "Bitte versuchen Sie nicht, alles aus Deutschland zu kopieren, wir haben erhebliche Fehler gemacht." In der ersten Phase des auf 30 Jahre ausgelegten Reformprozesses sei der Anteil der Menschen mit betrieblicher Vorsorge zwar von 40 auf 60 Prozent gestiegen, würde seither aber ebenso stagnieren wie die dritte Säule der Riester-Rente. Der bestehende Verkaufsmarkt funktioniert laut Karch nicht, da Menschen weniger vernünftig und vorausblickend handelten als erwartet.

Nachhaltige Veranlagung

Recht gut weggekommen sind indes die heimischen, betrieblichen Vorsorgekassen hinsichtlich der Nachhaltigkeit ihrer Veranlagungen. Das Prüfungsinstitut Ögut verpasste allen Anbietern in Gold oder Silber verfasste Gütesiegel, bloß die erstmals zertifizierte APK Vorsorgekasse musste sich mit Bronze begnügen. Auch der Verein für Konsumenteninformation stellte den Anbietern gute Noten aus. In der aktuellen Ausgabe seines Magazins Konsument erhielt die Mehrzahl der Anbieter das Testurteil "gut", einzig die VBV Vorsorgekasse darf sich mit einem "sehr gut" rühmen. (aha, 8.6.2016)

  • Experten halten noch einige Anstrengungen für nötig, um die Kaufkraft der Pensionisten zu stärken.
    foto: apa/gindl

    Experten halten noch einige Anstrengungen für nötig, um die Kaufkraft der Pensionisten zu stärken.

Share if you care.