"Jeder Tag ist Muttertag": Im Zwiegespräch mit Englands Geistern

8. Juni 2016, 17:16
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Hilary Mantels Romanerstling erschien ursprünglich 1985 auf Englisch. In ihm wird die Form der Gothic Novel bemüht, um Englands Gesellschaft die Leviten zu lesen. Ein Knüller

Wien – Schmutzig und grau ist Nachkriegsengland. Verkommene Einfamilienhäuser kleben aneinander, der Matsch gefriert in Wintern, die kein Ende nehmen wollen. In den Wohnschachteln britischer Mittelstädte hausen die Witwen unnahbarer Männer, die sich zu Lebzeiten nicht das Geringste aus der Gemahlin und den eigenen Kindern machen. Solche Ehepartnerinnen können von Glück sprechen, wenn noch vor dem Pensionsalter wenigstens ein hübscher Pelzmantel für sie herausspringt.

Segnen die Männer das Zeitliche, lassen sie schrullige Damen wie Evelyn zurück. Die genießt in der Nachbarschaft den Ruf einer Geisterseherin. Ihre Tochter Muriel ist geistig zurückgeblieben; gemeinsam wehren Mutter und Tochter die gelegentlichen Zudringlichkeiten des Sozialamtes ab. Noch viel peinigender aber sind die unsichtbaren Mitbewohner, die im vermüllten, nach Moder duftenden Eigenheim eine wahre Schreckensherrschaft als Quälgeister ausüben: die Geister ermordeter, sexuell ausgebeuteter Kinder.

Die Beschreibung paranormaler Phänomene darf im Falle der britischen Romanautorin Hilary Mantel nicht verwundern. Bereits in ihrer Autobiografie besaßen Geister und übersinnliche Erscheinungen eine Art natürliches Bleiberecht in Mittelengland. Auch der Roman Jeder Tag ist Muttertag bezieht seinen nicht geringen Reiz aus starken Kontrastwirkungen. Hier das sterbende Empire, das den Transfer in das postindustrielle Zeitalter mehr schlecht als recht meistert. Dort ein Sammelsurium gemeingefährlicher Käuze beiderlei Geschlechts. Wir schreiben die mittleren 1970er-Jahre. England und seine Bewohner gelangen immer weniger in Übereinstimmung miteinander.

Mantel, zweifache Booker-preisträgerin, ist seit vergangenem Jahr "Commander of the British Empire". Berühmt wurde sie durch historisches Fabulieren, indem sie sich mit psychologischer Raffinesse in die Herzen und Hirne der Tudor-Engländer hineindichtete. Im Falle von Jeder Tag ist Muttertag dient der vorgebliche Realismus der Erzählweise der Täuschung. Das Buch ist eine Gothic Novel. Man liest die Aktennotizen des Sozialamtes. Dessen Vertreter juckt das Geheimnis um Evelyn und Muriel nicht im Geringsten. In der Zwischenzeit bringen die Geister immer größere Teile des Einfamilienhauses in ihre Gewalt. Da passiert eine weitere, kaum für möglich gehaltene Katastrophe.

Muriel wird von der Frau Mama wie ein Tier gehalten. Mit den Gespenstern unterhält sie allem Anschein nach konspirative Verbindungen. Gewisse Aspekte des Wirklichkeitssinnes scheinen bei dem Mädchen bemerkenswert gut ausgeprägt. Muriel wird wie durch ein Wunder schwanger. Gruselmama Evelyn erscheint es aussichtslos, den Vater auszuforschen. Umso dringlicher die Notwendigkeit, das Geisterhaus gegen mögliche Eindringlinge verbarrikadiert zu halten.

Daneben findet Mantel noch Zeit, eine Parallelhandlung zu montieren. Es müssen keine Toten spuken, damit die Häuser der englischen Mittelklasse unbewohnbar bleiben. Es reicht die übliche Tristesse. Von Lehrern wie Colin werden lustlos Kredite bedient. Man lebt über die Verhältnisse, die man so nie hat haben wollen.

Der Ehefrau ist man in zäher Verbitterung zugetan, für eine Aufwertung des Seitensprunges fehlt es hingegen an Courage. Was bleibt, sind kurze, freudlose Umarmungen auf vermatschten Feldwegen, natürlich auf der Rückbank des Familienautos. Colin wird Isabel, die Sozialarbeiterin, erst gegen Ende des Buches wiedertreffen.

Isabel wird versuchen, sich zu Evelyns Spukzentrale Zutritt zu verschaffen. Muriels Säugling wird zu diesem Zeitpunkt bereits in einer Pappschachtel den Kanal hinuntertreiben. Jeder Tag ist Muttertag, Hilary Mantels Erstling, ist ein ebenso lakonisches wie herzzerreißendes Buch, das mit wenigen Strichen die Trostlosigkeit ganzer Schicksale bannt: "Seine Frau Gail war grobknochig ge-baut, fünfunddreißig, farblich vergleichsweise nüchtern und folgte ihm wie eine Entschuldigung." Englands Geister sind wach. (Ronald Pohl, 9.6.2016)

Hilary Mantel, "Jeder Tag ist Muttertag". Roman. Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence. € 22,99 / 260 Seiten. Dumont, Köln 2016

  • Das Vereinigte Königreich weiß, was es an seiner Erzählkünstlerin hat: Hilary Mantel 2015 als frischgebackener "Commander of the British Empire" im Buckingham Palace.
    foto: reuters/philip toscano/pool

    Das Vereinigte Königreich weiß, was es an seiner Erzählkünstlerin hat: Hilary Mantel 2015 als frischgebackener "Commander of the British Empire" im Buckingham Palace.

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