Zum Syrer gehen

Kolumne8. Juni 2016, 17:26
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Österreich war einmal ein Vielvölkerstaat. Wir haben Erfahrung mit der Integration von Migranten

In der Wiener Innenstadt hat seit kurzem ein Restaurant eröffnet, in dem syrische und afghanische Exflüchtlinge kochen. Junge Leute gehen gern hin, sie mögen die leichte orientalische Küche, die man dort anbietet, und sie mögen die Atmosphäre. Das Habibi (Arabisch: "ich mag dich") & Hawara entstand mit Starthilfe österreichischer Freunde, ist aber inzwischen ein normales kommerzielles Unternehmen. Jeder Euro Kredit wird gewissenhaft zurückgezahlt. Und die Gäste gehen so selbstverständlich "zum Syrer" wie man "zum Italiener" oder "zum Griechen" essen geht.

Ein Stückchen Normalität in der sonst von Hysterie gezeichneten Flüchtlingsdebatte. Und ein Ausblick auf ein Österreich, wie es mit Glück und gutem Willen in einigen Jahren sein könnte. Ist es wirklich so schwer, Syrer, Iraker, Afghanen zu integrieren? Ist der Islam wirklich so unvereinbar mit der hiesigen Lebensweise? Können Muslime hier wirklich niemals "daham" sein?

Das Habibi & Hawara ist nicht das einzige Hoffnungszeichen aus jüngerer Zeit. Vor einigen Jahren gab es Riesenaufregung rund um den Bau einer Moschee in Bad Vöslau. Es wurde demonstriert und agitiert. Inzwischen ist das Gotteshaus inmitten einer ziemlich langweiligen Arbeitersiedlung am Ortsrand zu einem architektonischen Highlight geworden, auf das auch viele nichtmuslimische Vöslauer stolz sind. Nach langer Vorbereitungszeit und unter Mitwirkung sowohl der lokalen muslimischen Community als auch der Einheimischen im modernen Stil errichtet, die angedeuteten Minaraette aus Glas, der offene Hof mit bunten türkischen Kacheln ausgelegt, gehört die Vöslauer Moschee jetzt unbestritten zum Stadtbild. Sie wird wohl nicht die Einzige bleiben. Wenn man bedenkt, dass es allein im Ersten Wiener Gemeindebezirk zwanzig christliche Kirchen gibt, aber in ganz Österreich angeblich nur drei Moscheen, scheint ein Zuwachs unausweichlich. Und auch an muslimischen Persönlichkeiten im öffentlichen Leben werden wir uns gewöhnen. Außer den üblichen Verdächtigen hat gegen Staatssekretärin Muna Duzdar niemand protestiert.

Optimisten können auch aus einem Rückblick auf die Geschichte Ermutigung schöpfen. Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts gab es Masseneinwanderung aus den böhmischen Ländern, die die tschechische Bevölkerung in Wien innerhalb weniger Jahre verzehnfachte. Die Ängste vor Überfremdung und Überflutung waren gewaltig, und die Hasspropaganda in Medien und von Politikern stand der heutigen Antiflüchtlingsrhetorik um nichts nach. Nach drei Generationen hießen der Bundespräsident, der Bundeskanzler und der Vizekanzler Waldheim (Watzlawik), Vranitzky und Busek, und Menschen mit tschechischen Namen gelten als Urösterreicher, siehe die Minister Sobotka und Doskozil.

Österreich war einmal ein Vielvölkerstaat. Wir haben Erfahrung mit der Integration von Migranten. Es wurde und wird viel geschimpft, aber im Großen und Ganzen funktioniert es nicht so schlecht. Das Erfolgsgeheimnis: Hierzulande kann man mehrere Identitäten haben, gleichzeitig ein stolzer Afghane und ein loyaler österreichischer Staatsbürger sein. Und abwechselnd zum Syrer und zum Wiener essen gehen. (Barbara Coudenhove-Kalergi, 8.6.2016)

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