Als Österreicher nach Asien und Afrika flohen

8. Juni 2016, 13:09
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Zeitgeschichtetag in Graz: Historiker befassen sich mit Flüchtlingsströmen in Folge des Nationalsozialismus

Graz – Die Machtergreifung der Nationalsozialisten zwang tausende Österreicher zur Flucht. Doch schon bald wurde klar, dass sich die Aufnahmebereitschaft vieler Länder in Grenzen hält. "Exotische" Destinationen boten vielen Verfolgten den letzten Ausweg. Am Österreichischen Zeithistorikertag in Graz werden neue Forschungsergebnisse zum Exil in Afrika und Asien präsentiert.

Auch damals: Sinkende Aufnahmebereitschaft

Die klassischen Zielländer der europäischen Emigration begannen bereits seit dem frühen 20. Jahrhundert und vor allem nach Einsetzen der Weltwirtschaftskrise ihre Einwanderungsbestimmungen zu verschärfen. Die Bereitschaft mittellose jüdische Auswanderer und schließlich Flüchtlinge aufzunehmen, hatte mit den zunehmenden Flüchtlingsströmen nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten bald allerorten enge Grenzen.

So wurde bei der verzweifelten Suche nach einem Zufluchtsort die Landkarte des Exils immer globaler, schilderte die Grazer Zeithistorikerin Margit Franz. Am Freitag werden am österreichischen Zeitgeschichtetag bisher wenig beachtete Wege der Flucht aufgezeigt.

Exil in britischen Kolonien

Mindestens 5.000 deutschsprachige Flüchtlinge überlebten beispielsweise den Zweiten Weltkrieg in Britisch-Indien, so Franz, die in den vergangenen Jahren intensiv zum Exil in Afrika und Asien geforscht hat. Im Gegensatz zu ostasiatischen Kriegsschauplätzen war das unter direkter britischer Kolonialherrschaft stehende Territorium, das den gesamten indischen Subkontinent und Teile Hinterindiens umfasste, trotz der Bedrohung durch japanische Truppen zwar relativ sicher. Das Leben im indischen Exil wurde jedoch durch klimatische, hygienische, gesellschaftliche und kulturelle Eigenarten erschwert und der Übergang in die britische Kolonialgesellschaft war mit vielen Schwierigkeiten verbunden.

Für das deutschsprachige Exil in Kolonialgesellschaften wie in Britisch-Indien, Britisch-Borneo, Ägypten und der Elfenbeinküste machte Franz gemeinsame Merkmale aus: "Der 'weiße Übermensch' im Kolonialismus durfte durch die Integration von armen weißen Flüchtlingen nicht infrage gestellt, die rassistisch konstruierte 'weiße Herrschaft' nicht durch Flüchtlinge, die der patriarchalen Kolonialherrschaft widersprachen, geschwächt werden." Die Möglichkeiten für Frauen waren eingeschränkt: Vor allem technisch und medizinisch hoch qualifizierte Flüchtlinge hätten – unter Einhaltung strenger geschlechtsspezifischer Einschränkungen – Aufnahme gefunden. "Frauen waren meist auf die Haushaltsführung beschränkt, wenige fanden Beschäftigung außer Haus", erhob Franz.

Flucht nach Afghanistan

Wenige Flüchtlinge aus dem Deutschen Reich verschlug es in das seit 1919 unabhängige und von einem König regierte Afghanistan: In den 1920er- und 1930er-Jahren suchte die Regierung im Zuge seiner Modernisierungsbestrebung u.a. im Gesundheitswesen Fachkräfte aus dem Ausland.

Der österreichische Facharzt für Kinderheilkunde Alphons Sole (1901-1983) folgte diesem Ruf und bewarb sich 1937 als Primar am Kinderspital in Kabul. Die Memoiren des Mediziners geben heute ein Bild von den damaligen Lebensbedingungen in dem zentralasiatischen Staat, wie auch der nationalen und sozialen Zusammensetzung der kleinen ausländischen Kolonie. Die während seines zehnjährigen Aufenthaltes entstandenen Erinnerungen werden von der Wiener Zeithistorikerin Gabriele Anderl für eine Publikation vorbereitet und ebenfalls am Freitag am Österreichischen Zeithistorikertag vorgestellt.

Drehscheibe Shanghai

Eine weitere historische Neuentdeckung wird die Grazer Zeithistorikerin Andrea Strutz vom Ludwig-Boltzmann-Institut für Gesellschafts- und Kulturgeschichte präsentieren: Sie fand heraus, wie jüdische Flüchtlinge von Shanghai nach Kanada weitermigrierten. Die ostasiatische Metropole war seit dem Ende der 1930er-Jahre ein wichtiger Zielhafen für 16.000 bis 18.000 Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich geworden.

"Im Exil im fernen Asien mussten sie mit äußerst engen Wohnverhältnissen, Hunger, Arbeitslosigkeit, Armut und ungewohnten Bedingungen zurechtkommen. Nach der Übernahme der Stadt durch die Japaner wurde der Lebensraum noch beengter", schilderte Strutz im Vorfeld der Tagung. Aufgrund der schwieriger werdenden Lebensbedingungen war an einen dauerhaften Verbleib in Asien immer weniger zu denken.

Von der internationalen Gemeinschaft wurden daher Evakuierungs- und Remigrationsmöglichkeiten ersonnen, sagt Strutz. Kanada schickte daraufhin im Zuge der bisher unerforschten "Operation Flying Dragon" Flugzeuge. Das war eine der letzten Möglichkeiten zur Weitermigration von mehreren hundert Flüchtlingen aus dem Shanghaier Exil nach Kanada. "Viele der Geretteten stammten aus Österreich", wie Strutz in Materialien des Canadian Jewish Congress und mündlichen Zeitzeugnissen herausfand.

Zeitzeugnis aus Tanger

Die Funktion der internationalen Zone in der marokkanischen Stadt Tanger als geopolitischer "Hotspot" der Exilantenströme zwischen Europa und Afrika versucht die österreichische Exilantin und Schriftstellerin Alice Penkala (geb. 1902 in Wien, gest. 1988 in Antibes) in ihrem Exilroman "Schokolade für das Afrika-Corps" darzustellen. Das Manuskript lagert im Archiv der Österreichischen Exilbibliothek im Literaturhaus Wien, das im Jahr 2006 ihren Nachlass bekam.

Die junge Wiener Historikerin Nadine Dobler hat den Text der gebürtigen Wienerin, die nach dem "Anschluss" Österreichs 1938 über Frankreich nach Tanger emigrierte, untersucht. Penkala zeichne das Porträt einer Gesellschaft, die sich während des Zweiten Weltkrieges in der Stadt Tanger u.a. aus Diplomaten, Emigranten, Arabern, Nazis, jüdischen Exilanten sowie Kleinkriminellen zusammengesetzt hat, so Dobler. "Die Fülle dieser Figuren wird stereotypisch, andererseits aber durchaus mit psychologisch-analytischem Blick für Details gezeichnet und ergibt so ein Abbild der vielschichtigen Sozialstruktur in der wichtigen geostrategischen Stadt zwischen Europa und Afrika", resümierte die Literaturwissenschafterin. Der Roman soll im Herbst im Grazer Clio-Verlag erstmals ediert werden. (APA, 8. 4. 6. 2016)


Der Zeitgeschichtetag wird am Donnerstag, 9. Juni, um 12.15 Uhr in Anwesenheit von Bundespräsident Heinz Fischer eröffnet.

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