Milchbauern: Eine Landwirtschaft im Ausverkauf

9. Juni 2016, 09:00
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Viele Milchbauern bangen um ihre Existenz, weil die Einnahmen zurückgehen. Der Preis, den sie von den Molkereien erhalten, ist stark gesunken, ein Aufschwung nicht in Sicht – eher im Gegenteil

Berlin – Mit jedem Jahr nimmt die Zahl der Milchbauern ab, und zwar europaweit. Immer mehr Höfe – vor allem kleine Familienbetriebe – geben auf. Allein in Deutschland sank die Zahl der Milchbauern in den vergangenen 25 Jahren von 285.000 auf 75.000. Aufgrund der großen Milchmengen auf dem Markt sind die Preise in Deutschland für Milchbauern zuletzt zum Teil unter 20 Cent pro Liter gefallen.

Dabei ist die anhaltende Not der Milchbauern längst ein europaweites Phänomen, denn überall in Europa werden kleine Landwirte systematisch ausgeblutet. Die Entwicklung geht hin zu großen, beinahe ausschließlich industriell arbeitenden Betrieben. Die Folgen für die Umwelt und die Gesundheit der Tiere sind gravierend.

Gerade klein strukturierte Landwirtschaft birgt jedoch ein großes Potenzial für den Umweltschutz. Denn in Deutschland sowie in Österreich gibt es einen hohen Grünlandanteil. Jahrhundertelang wurde den Wiederkäuern vor allem das vorhandene Gras verfüttert. Das ändert sich seit Jahrzehnten: Eine Steigerung der Milchproduktion der Kühe hängt nämlich auch mit dem Einsatz von Kraftfutter zusammen. Das wird zumeist importiert.

Die hohen Anforderungen an die Milchkühe hinterlassen ihre Spuren und können zu mehr Krankheiten und einer kürzeren Lebensdauer führen. Das für das Wohl der Nutztiere geltende Ideal einer ökologischen Milchviehhaltung mit geräumigem Laufstall und ganzjährig verfügbaren Ausläufen wird immer seltener.

foto: isabell zipfel
In Deutschland gab es vor zehn Jahren noch 300 Molkereien, jetzt sind es nur noch halb so viele.

Soforthilfe zugesagt

Einer der Gründe für die existenziellen Nöte der Milchbauern ist zum einen das Wegfallen der Milchquote im März 2015. Zuvor hatte die Milchquote die Milchbauern vor einem zu starken Preissturz der Milch geschützt, denn es wurde europaweit festgelegt, wie viel jeder Betrieb produzieren durfte. Seit März 2015 gibt es keinerlei staatliche Reglementierung mehr. Dadurch kommt es zu einer starken Überproduktion mit der Folge, dass die Preise sich im freien Fall befinden – in zunehmendem Maße.

Zudem hat sich, seitdem die Milchquote weggefallen ist, eine globale Ausrichtung der Milchwirtschaft durchgesetzt, der Milchüberschuss wird zu Dumpingpreisen exportiert – mit oft katastrophalen Folgen für die betroffenen Länder des Südens. Durch die Erschließung der globalen Exportmärkte hat sich der Preisdruck auf die Milchbauern also nur noch weiter verstärkt.

Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) hat nun Ende Mai den 70.000 Milchbauern in Deutschland finanzielle Unterstützung zugesagt: Er nannte eine Summe von mindestens 100 Millionen Euro an Soforthilfe. Nach Angaben des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter (BDM) benötigen die Milchbauern mindestens 40 Cent pro Liter, um kostendeckend zu wirtschaften. Momentan liegt der Preis jedoch bei rund 23 Cent pro Liter, ein Ende des Preissturzes ist nicht abzusehen.

Viele Milchbauern sind zudem stark verschuldet. Sie mussten hohe Kredite aufnehmen, um die Höfe zu kaufen beziehungsweise um Investitionen zu tätigen – und um den ständigen Verdienstausfall zu kompensieren. Laut BDM beläuft sich die Summe des Schuldenbergs der deutschen Milchbauern auf 15 Milliarden Euro. Viele können den kontinuierlichen Preissturz nicht mehr deckeln, laut Angaben des BDM verlieren sie jährlich mehr als vier Milliarden Euro.

foto: isabell zipfel
Milchbauern werden in das Preissystem nicht einbezogen: Molkereien und Handelsketten setzen die Preise fest.

Preise werden diktiert

Milchbauern erhalten zwar wie alle Landwirte EU-Hilfen. Würde man diese finanzielle Spritze jedoch auf alle Milchbauern verteilen, würde bei jedem gerade mal ein Cent pro Liter ankommen.

Die Preise für die Milch werden von den Molkereien und von den großen Handelsketten diktiert, also von den mittlerweile fünf größten Discountern, die allein in Deutschland mehr als 90 Prozent des Marktes beherrschen. Die Milchbauern erhalten keinen festen Preis für ihre Milch, sondern bekommen das ausbezahlt, was die Handelsketten bereit sind, an die Molkereien auszubezahlen.

Die Preise richten sich also nicht nach den jeweiligen Produktions- und Investitionskosten der Milchbauern, sondern sind allein von der jeweiligen wirtschaftlichen Lage der Discounter und Molkereien abhängig. Die Supermarktketten sprechen sich mit den Molkereien ab, die sich wiederum gegenseitig preislich unterbieten, um ihre Milch verkaufen zu können. Ein System, das den Milchbauern nicht miteinbezieht. Er ist lediglich Zulieferer im Wertschöpfungsprozess Milch.

Allein in Deutschland gab es noch vor zehn Jahren 300 Molkereien, jetzt gibt es gerade mal halb so viele. Und die zehn großen, die 80 Prozent des Marktanteils besitzen, setzen auf den Weltmarkt, denn rund 60 Prozent der Milchprodukte werden exportiert. Molkereien gehen genauso wie die großen Supermarktketten Fusionierungen ein, dadurch kommt es zu einer noch größeren Machtkonzentration und Einflussnahme auf den Weltmarkt – und auf die Milchbauern.

foto: isabell zipfel
Viele Milchbauern nehmen Kredite auf, um ihre Betriebe zu vergrößern und so konkurrenzfähig zu bleiben.

Machtkonzentration

Die zunehmende Konzentration der Molkereien und der Handelsketten ist fatal, denn einige wenige Molkereien und Handelsketten stehen vielen Milchbauern mit wenig Macht gegenüber. In einem solchen System hat man als Milchbauer nur zwei Optionen: Entweder man vergrößert seinen Betrieb, um noch mehr Milch zu produzieren und dementsprechend mit solch niedrigen Preisen überleben zu können – oder aber man gibt auf. (Isabell Zipfel, 9.6.2016)

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