Hymne vor dem Fernseher mitsingen

9. Juni 2016, 16:21
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Soziale Herausforderung oder einfach nur komisch

foto: apa / zeitungsfoto.at / daniel liebl

Pro
von Michael Möseneder

Vorweg eine Feststellung, damit niemand komplett am Geisteszustand des Verfassers zweifelt: Die Hymne mutterseelenallein vor dem Empfangsgerät inbrünstig zu intonieren ist natürlich mehr etwas für sozial ziemlich Herausgeforderte, Anhängerinnen und Anhänger des FC Bayern München beispielsweise.

Denn ein Match der Nationalmannschaft, das man televisionär nicht in einer Menge, etwa von Pubbesuchern, verfolgt, ist ein verlorenes Match. Gerade der gemeinschaftliche Spielkonsum in der Öffentlichkeit bietet ja einen der wesentlichen Gründe des Grölens: Schließlich ist die Chance gut, dass auch Anhänger des Feindes, Pardon, Mitbewerbers um den Torerfolg, anwesend sind.

Und die sollen fairerweise schon vorab wissen, was sie die nächsten 90 Minuten erwartet. Ah ja, in diesem Zusammenhang: Sollte jemand aus der p. t. Leserschaft am 22. Juni im Stade de France bei Österreich – Island sein: Derjenige, der laut und falsch – aber mit Enthusiasmus – singt, ist der Verfasser dieser Zeilen.

Kontra
von Mia Eidlhuber

Sollten Sie irgendwo in freier Wildbahn jemanden singen hören, das bin ich. Es klingt grauenhaft und falsch, ich weiß. Aber ich höre das nicht einmal. Meistens trage ich Kopfhörer. Singen entspannt mich und macht mich glücklich. Dass Singen das kann, ist wissenschaftlich längst erwiesen. Ich singe beim Joggen, ich singe im Wald, ich singe im Auto, ich singe auf dem Fahrrad und unter der Dusche. Ich singe, Sie ahnen das längst, vor allem wenn ich allein bin. Das hat sich über die Jahre einfach so ergeben.

Oh, Sie fänden es komisch, allein im Wald zu singen? Tja, ich sag Ihnen etwas: Ich finde es komisch, vor einem Fernseher zu singen, noch dazu die österreichische Nationalhymne und im Stehen, wenn dazu rot-weiß-rote Fahnen geschwenkt werden. Allein oder unter anderen. Egal. Es würde mich befremden – und nur ablenken. Denn beim Fußball bin ich viel zu beschäftigt mit Zuschauen: ob unsere Jungs das eh alles tadellos und entspannt hinkriegen – das mit den großen Töchtern zum Beispiel. Da gilt jedes Mal wieder: Nach dem Singen ist vor dem Singen. (RONDO, 10.6.2016)

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