Thalhammer: "Unser Weg ist noch lange nicht zu Ende"

Interview7. Juni 2016, 18:33
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Die ÖFB-Fußballerinnen haben das EM-Ticket so gut wie fix. Teamchef Dominik Thalhammer über Entwicklung, Flexibilität und den Geist seiner Elf

STANDARD: Die Qualifikation für die Europameisterschaft 2017 ist so gut wie fix. Wie schaut Ihre Bilanz vor dem letzten Spiel in Wales am 20. September aus?

Thalhammer: Sie schaut sehr, sehr positiv aus, weil wir in den letzten Jahren sehr prozessorientiert gearbeitet und unser Spiel noch weiterentwickelt haben. Vor allem im Vorjahr ist sehr viel weitergegangen, was das Spiel im Ballbesitz betrifft. Das zeichnet diese Mannschaft aus, dass sie sehr "open-minded" ist, dass sie sich entwickeln will. Mittlerweile können wir Teams, die europäische Spitze sind, auch dominieren. Unser Weg ist noch lange nicht zu Ende. Wir haben 2011 angefangen, defensiv in der Raumdeckung organisiert zu spielen. Der nächste Schritt war Pressing. Da wir im Spielaufbau fehleranfällig waren, haben wir dann versucht, das Gegenpressing zu etablieren. Und jetzt geht es Richtung Ballbesitzspiel. Es geht einfach immer weiter. Das Entscheidende ist der Geist, der die Mannschaft durch die letzten Jahre getragen hat. Dieser Geist wird uns auch bei der EM treiben, so dass wir dort eine Rolle spielen werden.

STANDARD: Nach der verpassten Qualifikation für die WM 2015 haben Sie gesagt, dass das Team vor allem gegen die "Kleinen" noch Probleme hat. Ist dem immer noch so?

Thalhammer: Im Gegenteil. Wir haben am Montag gegen Israel sehr gutes Positionsspiel gezeigt mit einer sehr guten Passqualität. Viele Pässe, viel Ballbesitz. Wir haben in keiner Phase des Spiels – auch nicht aus mentaler Sicht – die Kontrolle verloren.

STANDARD: Gegen Norwegen, das in der Weltrangliste elf Plätze vor Österreich liegt, war man zweimal fast besser. Inwieweit hat ihr Team auch gegenüber den Topnationen aufgeholt? Diese bleiben ja auch nicht stehen.

Thalhammer: Ja, aber an der Spitze ist es schwieriger. Ich glaube, momentan holen die Nationen, die in der Weltrangliste zwischen Platz 15 und 25 liegen, sehr stark auf.

STANDARD: Ist das Ballbesitzspiel die passendste Spielweise für Ihr Team?

Thalhammer: Es ist ein Modell, das wir brauchen. Wir haben gesehen, dass es mit dem Spiel gegen den Ball alleine nicht geht. Gegen starke Teams ist es auch über 90 Minuten zu aufreibend. Wir brauchen die Phasen in Ballbesitz, wo man sich auch einmal ausruhen kann, sonst wird das Ganze zu intensiv.

STANDARD: Es gibt mittlerweile sehr viele Legionärinnen. Inwieweit merkt man bei denen, die regelmäßig spielen, die Weiterentwicklung?

Thalhammer: Die merkt man definitiv. Sie spielen einfach in den besten Ligen.

STANDARD: Es gibt auch Legionärinnen, die bei ihren Teams wenig spielen …

Thalhammer: Es ist immer noch Deutschland und immer noch sind die Spielerinnen sehr gefordert. Da muss man einfach lernen, sich durchzusetzen. Aber es ist auch der richtige Weg, wenn man im Nationalteam erfolgreich sein will, dann braucht man Spiele in starken Ligen. Nina Burger hat beispielsweise gesagt, der einzige Grund, nach Deutschland zu gehen, war die Europameisterschaft 2017. Man hat auch bei ihr gesehen, dass noch einiges weitergegangen ist.

foto: apa/helmut fohringer
Nina Burger (oben) ist seit Montag vor Toni Polster ÖFB-Rekordtorschützin und mit 28 die routinierteste in Thalhammers Team.

STANDARD: Das heißt, sie würden einer 18-Jährigen, wenn sie die Möglichkeit hat, empfehlen, nach Deutschland zu wechseln?

Thalhammer: Die Spielerinnen brauchen nicht mehr so wie Viktoria Schnaderbeck mit 14, 15 ins Ausland gehen. Das ist viel zu früh. Jetzt haben wir unsere Akademie. Sie sollen dort die Ausbildung, die hochqualitativ ist, zu Ende machen. Wenn sie dann schon im erweiterten Nationalteamkader sind, ist es aus momentaner Sicht wahrscheinlich der beste Weg, nach Deutschland zu gehen.

STANDARD: Haben Sie im Großen und Ganzen einen Stamm gefunden, mit dem Sie in die EM gehen wollen?

Thalhammer: Ja, ich denke, das ist der erweiterte Kreis, der jetzt einberufen war. Es gibt noch fünf bis zehn Spielerinnen, die auch noch infrage kommen. Das Kriterium ist für mich, dass die Spielerinnen die Mentalität haben, sich entwickeln zu wollen und nicht das Thema Nationalteam abschließen, wenn der Lehrgang zu Ende ist.

STANDARD: Auf welchen Positionen gibt es noch am ehesten Probleme, und bei welchen Positionen sind sie komplett sorgenfrei?

Thalhammer: Ich bin mit dem Kader derzeit rundum zufrieden. Es würde mich freuen, wenn Lisa Makas wieder fit zurückkommt, weil wir dann mehr Möglichkeiten in der Offensive haben. Da sind wir momentan recht eng aufgestellt. Wenn sie mit der Stärke zurückkommt, die sie vor ihrer Verletzung hatte, dann haben wir noch einmal einen positiven Impuls für die Mannschaft.

STANDARD: Goalgetterin Nicole Billa hat zuletzt nicht mehr ganz vorn gespielt. Warum?

Thalhammer: Wir haben unser Spielsystem geändert, weil wir einen Schritt Richtung Flexibilität gemacht haben. Wir haben mit 4-4-2 begonnen, das sehr schematisch war. Die Mädels haben das am Anfang gebraucht, aber jetzt wechseln wir innerhalb des Spiels zwischen zwei, drei Systemen hin und her. Ich denke, mit einer Sturmspitze hat man oft auch eine Überzahl im Mittelfeld. Aber Nicole Billa macht das gut, und sie kommt auch, wenn sie zehn, 15 Meter weiter hinten ist, zu Torchancen.

foto: apa/helmut fohringer
Nicole Billa (20) ist sowohl im Nationalteam als auch bei Hoffenheim treffsicher.

STANDARD: Die Abwehr war einmal ein Problemfeld. Das ist jetzt nicht mehr so?

Thalhammer: Die ist so gut wie nie zuvor. Die Innenverteidigung mit Schnaderbeck und Carina Wenninger ist, glaube ich, Europaklasse. Auch Katharina Schiechtl hat sich in den vergangenen zwei Jahren unglaublich entwickelt. Da haben wir überhaupt keine Probleme. Im Gegenteil.

STANDARD: Sie sind seit Februar sportlicher Leiter der Traineraus- und -fortbildung, dafür leiten Sie nicht mehr das Nationale Zentrum für Frauenfußball in St. Pölten. Ist das ein Nachteil für Ihre Funktion als Teamchef?

Thalhammer: Ich glaube nicht. Natürlich war ich wehmütig, weil es ein Projekt war, das ich über vier, fünf Jahre mitbetreut habe. Aber es ist ein neuer Weg und eine neue Herausforderung für mich. Wir werden weiter zur U19-Trainerin Irene Fuhrmann, zum U17-Coach Markus Hackl und zum Leiter des Nationalen Zentrums, Wolfgang Luisser, engen Kontakt haben.

STANDARD: Inwieweit besteht ein Austausch mit Marcel Koller?

Thalhammer: Wir sehen uns einmal monatlich bei den Trainersitzungen, wo man sich immer wieder austauscht, wo man mit allen Nationaltrainern gewisse Themen durchgeht.

STANDARD: Was trauen Sie den Männern bei der EM in Frankreich zu?

Thalhammer: Alles. Ich denke, sie werden die Vorrunde überstehen. In den K.-o-Duellen ist, denke ich, alles möglich. Ich bin sehr optimistisch.

STANDARD: Wer wird Europameister?

Thalhammer: Ich tippe auf Spanien. Ich schätze ihren Spielstil sehr. (Birgit Riezinger, 7.6.2016)

  • Dominik Thalhammer ist mit der Entwicklung seiner Frauschaft sehr zufrieden.
    foto: apa/helmut fohringer

    Dominik Thalhammer ist mit der Entwicklung seiner Frauschaft sehr zufrieden.

  • Jubel bei den ÖFB-Spielerinnen. Die erstmalige EM-Qualifikation ist praktisch sicher.
    foto: apa/helmut fohringer

    Jubel bei den ÖFB-Spielerinnen. Die erstmalige EM-Qualifikation ist praktisch sicher.

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