Das Ende eines Laufschuhs: Wenn Schuhe vergehen

Blog8. Juni 2016, 07:00
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Nicht nur im "Leben des Brian" folgen die Jünger dem Schuh: Läufer und Läuferinnen sind noch viel schlimmer

Die beiden Kolleginnen von den beiden Wochenmagazinen hatten ihre Zweifel: "Glaubt ihr wirklich, dass man einen ganzen Abend über einen einzigen Schuh reden kann?" fragte die eine. "Noch dazu einen Turnschuh …", ergänzte die andere. Ich sah die beiden an und war ein bisserl perplex: "Ihr seid zum ersten Mal bei sowas dabei, oder?" Die beiden jungen Damen nickten. "Dann sehet, höret und lernet", lachte der Kollege vom fast größten deutschen Laufmagazin. "Über Schuhe kann unsereiner nämlich lange reden. Einen Abend. Eine Woche. Ein Jahr. Ganz wie es beliebt." Die beiden Kolleginnen von den beiden Wochenmagazinen sahen uns ungläubig an: "Und ihr Männer sagt, dass wir Frauen, wenn es um Schuhe geht, oft ein bisserl neben der Spur unterwegs sind?"

Das war vor ein paar Monaten. In London. Heathrow. Wir standen im Ankunftsbereich und warteten auf unseren Fahrer: Asics, der japanische Laufschuh-Gigant, hatte uns – und gut 80 andere Lauf-, Fitness- und Lifestyle-Journalisten – eingeladen. Man präsentierte – erraten – einen Schuh. Einen Laufschuh, versteht sich. Den "Metarun". Die Geschichte dazu war hier zu lesen. Dass die beiden Kolleginnen der beiden Wochenmagazine das ganze Spektakel mit ungläubigem und spöttischem Staunen verfolgten, überraschte mich nicht: Da knieten erwachsene Männer vor einem Schuh. Und auch, wenn das "nur" dazu diente, ihn besser fotografieren zu können, hatte das schon ein bisserl was vom "Leben des Brian".

Das gleiche Spiel funktioniert aber auch in die Gegenrichtung: Man kann um einen Schuh trauern. Und das sogar präventiv. Und lustigerweise – zufällig – saß just in dem Augenblick, als Heidi Kindermann "Oh Gott, das ist aber doch hoffentlich nicht wahr!" rief, just eine der beiden Kolleginnen von den beiden Wochenmagazinen mit am Tisch. Sie sah mich an – und ich wusste, was sie dachte: "Ihr habt ja wirklich alle einen leichten Poscher." Allerdings trug sie die damals in London vorgestellten Schuhe. Und konnte, als ich nachfragte, auch erklären, was an diesen Schuhen (angeblich) so besonders ist.

Heidi Kindermann ist Profisportlerin. Wir trafen sie auf einer Pressereise bei und zu einem Triathlon. Und plauderten über – erraten – Laufschuhe. Weil Kindermann da den gleichen Schuh trug, den ich auch sehr gerne habe. Und den es – wenn das stimmt, was mir und ein paar meiner Laufkumpanen, die ebenfalls mit diesem Teil laufen, gesagt wurde – bald nicht mehr geben wird.

Denn das erzählte mir schon zu Jahresbeginn einer, der es wissen muss: Hans Blutsch. Einer derjenigen wenigen, denen man in Sachen Laufschuhe blind vertrauen kann. Und der mir noch nie einen Schuh verkauft hat, mit dem ich beim Laufen dann nicht zufrieden gewesen wäre.

Blutsch hatte mir da nämlich meinen Lieblings- und Standard-Schuh (den "Racer ST" von Brooks) in die Hand gedrückt. Statt wie in früheren Saisonen blau, war das Teil quietschgelb. Und als ich Blutsch fragte, ob er nicht vielleicht doch noch ein letztes blaues Restpaar hätte, hatte der Händler traurig den Kopf geschüttelt: "Leider nein. Und ich muss Sie warnen: Den Racer ST gibt es bald gar nicht mehr. Jedenfalls nicht in dieser Form. Und ich weiß nicht, ob da etwas auch nur annährend Gleichwertiges nachkommt."

Hans Blutsch hat mir den "Racer" schon etliche Male verkauft. Und ich habe ihn, den Schuh, schon etliche Male totgelaufen. Weil der Schuh laut Blutsch eine "Allzweckwaffe" ist. Weil man das so natürlich nicht pauschal sagen kann, kommt hier der Nachsatz: Eine Allzweckwaffe für meine Füße und meine Art zu laufen. Und etliche andere Menschen in meinem näheren und weiteren Lauf-Umfeld auch. Aber sicher nicht für alle: Den Jederfuß-Schuh gibt es nämlich nicht.

Bevor das jetzt zu einem Loblied auf diesen spezifischen Schuh wird (und die eine der beiden Damen von den beiden Wochenmagazinen sich noch ein drittes Mal in ihrem Urteil über den Poscher, den Menschen wie ich haben, bestätigt sieht), erzähle ich lieber von der einhelligen Reaktion ebendieser Menschen auf die Nachricht vom Dahingehen ihres/unseres Lieblingsschuhs: Fassungslosigkeit. Entsetzen – und leichte Anflüge von Panik.

Durch die Bank Ansagen wie die von Heidi Kindermann. Und eine Frage, auf die umgehend die – bei allen gleiche – Antwort kam: "Was tun? Ich glaube, ich kauf mir ein paar Paar. Auf Vorrat." Obwohl das viele Läufer bei ihrem individuellen Lieblingsschuh ja ohnehin routinemäßig tun: Man weiß schließlich auch bei anderen Modellen und anderen Marken nie, was die nächste Saison bringen wird.

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Ein von Thomas Rottenberg (@tomrottenberg) gepostetes Foto am

Hans Blutsch ist da – ganz allgemein und markenunabhängig – ein bisserl der Apokalyptiker: "Sogar wenn sich außen und im Aufbau von einer Saison zur anderen nichts ändert, weiß man nie, ob der Schuh nicht verschlechtbessert worden ist", erklärte er mir nicht erst einmal. "Es genügt, wenn da eine kleine Kleinigkeit in Materialmix oder Verarbeitung vermeintlich optimiert wird – und alles ist anders." Auch deshalb besteht der Händler ja darauf, dass seine Kunden auch dann ein paar Probelängen im Laden laufen, wenn sie einfach nur ihren "Stammschuh" nachkaufen.

Genau deshalb verlässt sich der Grandseigneur der österreichischen Laufschuhszene auch nicht darauf, wenn Hersteller beteuern, dass Nachfolgemodelle die gleichen Eigenschaften haben wie das Vorgängermodell: Irgendetwas ist immer anders. Das kann, muss aber nicht, gut sein. Oder das Gegenteil.

Darum hat Hans Blutsch vorgesorgt. Und auf Vorrat Nachschub gekauft. An die 200 Racer-ST-Paare habe er mittlerweile eingelagert, erzählte er mir bei meinem letzten Besuch. Die zu bekommen sei gar nicht so einfach gewesen: Er habe die Schuhe unter anderem aus den Lagerbeständen von Kollegen zusammengekauft. Unauffällig. Weil ja auch andere Händler draufkommen könnten, dass da etwas im Busch ist, wenn einer wie Hans Blutsch da auf Einkaufstour geht. Und je größer die Nachfrage, desto höher der Preis: Das ist bei Laufschuhen nicht anders als bei Aktien. Darum … und so weiter.

Heidi Kindermann sah mich, als ich ihr diese Geschichte erzählte, staunend an. Sie fragte nicht, ob ich, Hans Blutsch oder wir alle vielleicht in einer etwas eigenen, leicht bizarren, aber schlussendlich doch harmlosen Welt lebten – sondern wirkte erleichtert: Für die nächsten paar Paare wäre also noch gesorgt.

Aber die eine der beiden Kolleginnen der beiden Wochenmagazine sah uns komplett entgeistert an. Dann bekam sie einen Lachkrampf. "Ihr habt sie ja echt nicht mehr alle." Ja eh. Aber: Na und? (Thomas Rottenberg, 8.6.2016)

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