Wohnen: Es muss nicht immer Kaviar sein

8. Juni 2016, 11:33
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Ein STANDARD-Wohnsymposium erörterte die Preistreiber und suchte nach Wegen zum günstigeren Bauen

Wien – Unter den unzähligen ausländischen Journalisten, die rund um die Bundespräsidentenwahl ins Land strömten, interessierten sich viele auch für die Lebensumstände der Österreicher. Gerade beim Wohnen wunderten sie sich über die Unzufriedenheit: Einen so qualitätsvollen sozialen Wohnbau kannten sie in ihren Heimatstaaten nicht.

Doch dieser hat seinen Preis: Trotz einer großzügigen Wohnbauförderung ist das Wohnen gerade in den Ballungszentren teuer. Das Versprechen der Politik, für leistbares Wohnen zu sorgen, wird immer schwerer einlösbar.

Suche nach Ursachen

Mit den Ursachen dieses Kostenauftriebs und möglichen Gegenrezepten beschäftigte sich das STANDARD-Wohnsymposium vergangene Woche. Im Vorfeld der Veranstaltung "Kostenbewusstes Planen und Bauen: Kür oder Pflicht", die vom Fachmagazin "Wohnen Plus" mitorganisiert worden war, hatten derStandard.at-User ihre Liste der Preistreiber präsentiert, so etwa Stellplätze, Sicherheitsanforderungen, Gemeinschaftsräume, Dämmung, Gutachten, Maklerkosten und schließlich auch die Funktionärsgehälter bei gemeinnützigen Bauträgern.

Manches von dem fand sich in der angeregten Diskussion unter rund 100 Teilnehmern wieder, die in einem großzügigen Gemeinschaftsraum im neuen Global Park in Simmering – der Wiener FPÖ-Hochburg – stattfand. Im Zentrum der Ursachensuche standen Stellplatzverpflichtung, Brandschutz und – zumindest aus Sicht von Karl Wurm, dem Bundesobmann der Gemeinnützigen – "überbordende Qualitäten und überzogene Normen" bei den Bau- und Baunebenkosten.

Baukosten stark gestiegen

So seien die durchschnittlichen Baukosten in den vergangenen zehn Jahren um 40 Prozent auf über 2000 Euro pro Quadratmeter gestiegen, das bedeute einen Euro mehr Miete pro Quadratmeter. Für ein Drittel dieser Steigerung seien höhere Qualitätsstandards verantwortlich.

Wurm führte dabei etwa die energetischen Standards an, die mit ihrem Anspruch auf Niedrigstenergie- und Passivhausqualität die Standards der Bauordnungen, die für den freifinanzierten Wohnbau gelten, weit übertreffen. "Gut ein Drittel des Baukostenanstiegs der letzten Jahre geht auf die nicht mehr kostenoptimalen Anforderungen bei der Energieeffizienz zurück", sagte Wurm. Aber ebenso teuer sei der Schallschutz, die vorgeschriebene hundertprozentige Barrierefreiheit in allen Stockwerken und natürlich der Brandschutz. Aber auch die langen Verfahren etwa bei Baubewilligungen würden die Kosten jeder neuen Anlage in die Höhe treiben.

Problem Grundstückkosten

Vor allem aber würden steigende Grundstückskosten den geförderten Wohnbau massiv behindern. Wurm: "Im Jahr 2000 waren 65 Prozent des Wohnbaus gefördert, heute sind es nur noch 35 Prozent. Es muss immer mehr freifinanziert werden, weil die Grundstückkosten nichts anderes zulassen. Wenn wir so weitermachen, sprengen wir eine so wichtige und in Europa einmalige Institution in die Luft."

Auch die Gemeinschaftsräume seien Kostentreiber und würden von Bewohnern nur wenig genutzt werden, kritisierte Wurm. Hier widersprach allerdings die Architektin Elsa Prochazka. Gerade bei kleineren Wohnungen seien Gemeinschaftseinrichtungen eine notwendige Kompensation. "Sie dürfen allerdings kein leerer, kahler Raum sein und müssen entsprechend organisiert werden, damit sie funktionieren", sagte sie. Dafür fehlten allerdings die passenden Rechtsinstrumente.

Man dürfe auch nicht nur bei den Qualitäten und schon gar nicht bei der Architektur den Schuldigen für steigende Kosten suchen, betonte Prochazka. "Beim Semmerl ist es einfach, da kostet ein Biosemmerl mehr. Aber der Wohnbau ist mehr durch den Rahmen bestimmt, viele Faktoren bestimmen den Preis." Sie verwies auf die "seltsame Grundstückspolitik" der öffentlichen Hand, die etwa Kasernengelände an Supermarktketten statt an Wohnbauträger verkauft, und die unterschiedlichen Budgetansätze und Bauverfahren der Genossenschaften.

Wie vor hundert Jahren

Der Bausachverständige Matthias Rant sieht einen Weg, um Wohnkosten zu senken: "Wenn wir mehr bauen, als wir brauchen, dann schaffen wir Wettbewerb." Dass dies nicht geschehe, sei ein Versäumnis der Politik. Auch er sprach von einem "Vorschriftenunwesen" und verglich den heutigen Wohnbau mit jenem der Gründerzeit: "Vor hundert Jahren hat man auch mit hoher Qualität und mit wenigen Vorschriften gebaut. Und eine sanierte Wohnung aus dem Jahr 1910 hat noch heute einen hohen Wert. Heute bauen wir nicht mehr werthaltig."

Aber alle kleinen Schritte zur Kostendämpfung werden der Masse an armutsgefährdeten Österreichern nicht helfen, warnte Karl-Heinz Stadler, Direktor der Genossenschaft Neues Leben. Dafür sei eine Kostenreduktion von 25 bis 30 Prozent notwendig. Stadler: "Wenn uns das nicht gelingt, dann werden wir die Bedürfnisse einer großen Bevölkerungsschicht nicht befriedigen können." (Eric Frey, 8.6.2016)

  • Steigende Baukosten verteuern das Wohnen auch im geförderten Sektor, dazu tragen immer schärfere Auflagen und höhere Qualitätsstandards viel bei.
    cartoon: oliver schopf

    Steigende Baukosten verteuern das Wohnen auch im geförderten Sektor, dazu tragen immer schärfere Auflagen und höhere Qualitätsstandards viel bei.

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