Als im Fußball außer Mord und Totschlag noch alles erlaubt war

12. Juni 2016, 19:06
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Seine heutigen Regeln erhielt der Fußball erst spät. Der Kulturhistoriker Wolfgang Behringer untersuchte die Geschichte der Ballsportart vom Mittelalter bis heute

Saarbrücken – Mittelalterliche Fußballfans hätten sich über rote Karten wegen grober Fouls gewundert: Das Spiel stand damaligen Faustkämpfen um nichts nach. Immerhin wird Fußball schon seit Jahrhunderten gespielt, in England und Italien war der Sport spätestens seit dem zwölften Jahrhundert weit verbreitet. In der Renaissance erhoben ihn die Medici-Fürsten zum Nationalspiel. Der Kulturhistoriker Wolfgang Behringer von der Universität des Saarlandes hat die Geschichte des Fußballs vom ersten Auftauchen in den Quellen bis heute erforscht.

Fußball ist weit älter, als man meine könnte. Zwar ist die Ballsportart keine antike olympische Disziplin, doch sie wird in unzähligen Quellen erwähnt, die bis ins Mittelalter reichen. "Quellen aus dem Mittelalter nennen zunächst nur Ballspiele, ohne weitere Unterscheidung. Ballspiele waren damals generell sehr beliebt", sagte Berhinger. Der vielleicht älteste handfeste Nachweis stamme aus dem Jahr 1137: "Es handelt sich um einen Bericht vom Tod eines Jungen, der beim Fußballspiel in England starb", so der Forscher. "Ab dem Spätmittelalter waren England, Italien und auch Frankreich die Fußball-Hochburgen."

Blutiges Spiel von früh bis spät

Ein Spiel dauerte oft von der Früh bis zum Einbruch der Dunkelheit, das Spielfeld konnte kilometerlang sein. Stadttore dienten an manchen Tagen als Tor. Zum Beispiel waren Faschingsdienstag und Aschermittwoch beliebte Termine für große Fußballturniere. Die Zahl der Spieler war nicht begrenzt, und zimperlich ging es auch nicht zu: "Mord und Totschlag waren verboten, sonst war der Körpereinsatz nicht groß beschränkt", so Behringer. Massenraufereien, Unfälle, und Tote waren nicht selten – auch blutige Racheaktionen seien dokumentiert. Dies führte auch immer wieder zu Fußballverboten: der Historiker fand dafür insgesamt 30 Beispiele in der Zeit zwischen 1314 und 1667.

In Italien traten bei Spielen ganze Dörfer und Stadtviertel gegeneinander an. "Die Medici, die wie der sportbegeisterte Cosimo I. selbst spielten, erhoben das Spiel in Zeiten der Renaissance zu ihrem Markenzeichen, machten ihn in Florenz zum Nationalsport", sagte Behringer. Sie pflegten eine galantere Spielart und versuchten, das wilde Spiel zu zivilisieren.

Schicksalsjahr 1863

Zwar immer noch brutal, aber bereits mit genauem Regelwerk versuchten die 27 Spieler einer Mannschaft, das gegnerische Zelttor zu treffen. Der Ball, so eine Quelle aus dem Jahr 1625, war aus weißem Leder und mit Luft gefüllt. "Regelmäßig fanden große Spiele auf der Piazza Santa Croce oder auf dem Platz vor der Kirche Santa Maria Novella statt, was große Zuschauermassen anzog." Anlässe dafür waren etwa Staatsbesuche, Hochzeiten oder Festtage. Im Winter wurde das Spiel kurzerhand aufs Eis verlegt – etwa 1491, als in Florenz der Arno zufror. "Ebene, nicht zugebaute Flächen ohne Wälder waren selten, da wurde die freie Eisfläche sofort zum Fußballplatz erklärt", so Behringer.

Der Fußball in seiner heutigen Form entstand wohl 1863: "In diesem Jahr wurde Fußball in England Schulsport. Im Zuge dessen legte man die Spielerzahl auf elf fest und formulierte Spielregeln", berichtete der Historiker. Von nun an waren grobe Fouls und die Zuhilfenahme der Hände untersagt. Der traditionelle, kampforientierte Football wurde in Rugby umbenannt. (red, 12. 6. 2016)

  • Dieses Fresko des Malers Jan van der Straet aus dem Jahr 1558 zeigt ein Fußballspiel vor der Basilika Santa Maria Novella in Florenz.
    repro.: „kulturgeschichte des sports“, c.h.beck

    Dieses Fresko des Malers Jan van der Straet aus dem Jahr 1558 zeigt ein Fußballspiel vor der Basilika Santa Maria Novella in Florenz.

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