Designer Luigi Colani: "Leckt mich doch!"

Interview9. Juli 2016, 12:00
127 Postings

Der Designer schimpft mit 87 noch wie ein Rohrspatz. Ein Gespräch über unfähige Ingenieure und Colanis Verbindung zu Leonardo da Vinci

STANDARD: Warum bringt Sie das Design noch immer so in Rage?

Luigi Colani: Weil alles, was heute im Design gemacht wird, oberflächliche Plätscherei ist. Schauen Sie sich doch die Autos an: Die für den Sichtkontakt gebogenen Rückscheiben sind in den Ecken schwarz lackiert! In der Mitte befindet sich ein kleines Wischerchen, das nur ein Drittel der Scheibe saubermacht. Und dann setzen sie noch einen Pickel auf das Heck. So eine kleine Warze. Die haben sie von Colani kopiert! Ich habe vor 30 Jahren mal so ein Ding gemacht. Aber das war eine Rückfahrtkamera. Nur hat das keiner gesehen, weil die so klein war. Die Autos sind heute vollgestopft mit Hirnlosigkeiten, die überhaupt nicht gebraucht werden für den viel zu langsamen Verkehr. Und vieles davon ist absolut gegen die Aerodynamik. Idiotischer geht es nicht!

STANDARD: Was sollte dagegen getan werden?

Colani: Da bin ich schon längst dran: Ich werde ein Auto bauen, das allen Autos ein Ende bereitet. Vor über vierzig Jahren habe ich im Stern einen Artikel über eine neue aerodynamische Form für Hochgeschwindigkeitsautos veröffentlicht. Da ging es um 400 Stundenkilometer, was zu dieser Zeit noch keiner zu erreichen wagte. Die aerodynamische Form dafür habe ich längst berechnet. Doch entweder hat die Automobilbranche es nicht gelesen, oder sie ist zu dämlich, um es zu begreifen. Darum setze ich denen jetzt etwas entgegen: Das Auto wird 600 Stundenkilometer auf dem Salzsee fahren. Damit fresse ich selbst dem Bugatti 200 km/h vor der Nase weg. Danach werden alle dumm aus der Wäsche gucken.

STANDARD: Sie gehören zu den bekanntesten deutschen Designern, arbeiten aber seit fast 20 Jahren in China. Warum haben Sie Europa den Rücken gekehrt?

Colani: Weil da drüben die Sau abgeht! Ich baue in China Schnellzüge, Schiffe, Flugzeuge, Privatflugzeuge, alles Mögliche. Vor vielen Jahren kam ich nach Japan und habe Kameras für Canon und Sony entworfen, die heute alle im MoMA stehen. Das haben die Chinesen gesehen und mich eingeladen. In Deutschland passiert nichts mehr. Da wird gebremst. Mit dem, was die Chinesen an Design machen, kann Deutschland nicht mehr mithalten.

STANDARD: Warum?

Colani: Die deutsche Technologie ist noch immer in einer Spitzenposition. Das deutsche Design war nie richtig. Da sind wir immer hinterhergehinkt. Seht euch die Waschbecken und die Klos an, die hier gemacht werden: Da bekommt man ja ein Schrecken! Wie kann so ein Idiot etwas eckig machen, wo ein runder Arsch draufkommt! Seitdem die Nazis das Bauhaus kaputtgemacht haben, hat das deutsche Design in der Welt überhaupt keinen Rang mehr. Das Ur-Bauhaus in Weimar kannte nicht nur das Quadrat, sondern ebenso das Dreieck und den Kreis – und zwar in leuchtenden Farben! Die deutschen Nachkriegsdesigner haben nur ein Drittel des Bauhaus-Nachlasses übernommen: das Quadrat. Und diese Vollidioten wagen auch heute noch zu sagen, dass wäre fortschrittliches Design.

STANDARD: Bereits in den 1960er-Jahren Jahren sind Sie mit Ihren organischen Entwürfen in Opposition zur Ulmer Schule gegangen. Haben Sie mit deren Designern eigentlich einmal gesprochen?

foto: colani

Colani: Ich spreche doch nicht mit den Ulmern! Ich spreche mit meinem Hausmeister, mit meinen Azubis. Doch mit den Ulmern nicht! Das sind Verbrecher am deutschen Geistestum der 1920er- und 1930er-Jahre! Gehirnlose Verbrecher. Meistens sind Verbrecher ja intelligente Typen. Denn dazu braucht man ein bisschen Grips. Aber das sind die Alles-eckig-Macher! In der Zeitschrift form wurde vor vielen Jahren postuliert: Berufsverbot für Colani! Der Grund war, dass ich die ständig beleidigt habe. Dabei müsste man denen Berufsverbot erteilen. Also habe ich gesagt: Leckt mich doch! Ich gehe nach Asien!

STANDARD: Was hat Sie zur organischen Form geführt?

Colani: Ich beschäftige mich von Anfang an als Bildhauer mit der dritten Dimension. Mein erstes Studium war ja die Bildhauerei. Erst danach habe ich in Paris Aerodynamik und Ultraleichtbau studiert und wurde zum Flugzeugbauer. Die Bildhauerei hat auch in meinen hochtechnologischen Überlegungen immer wieder Einzug gehalten. Denn jede Zeichnung und jedes Foto ist nur die Lüge eines Volumenproduktes. Nur die Skulptur, die dritte Dimension, ist echt.

STANDARD: Doch wie sind Sie denn auf die Spuren der Natur gekommen?

Colani: Indem ich später den Kontakt zum berühmten Unterwasserforscher Jacques Cousteau gesucht habe. Er hat mir die Maße von Mantarochen und Haifischen berechnet, aus denen ich dann Flugzeuge entwickelt habe. Die sind wie die Träume geflogen! Später haben die Amerikaner diese Entwürfe mit ihren Tarnkappenbombern kopiert, obwohl ich Jahre vorher damit draußen war. Die Formen, die die Natur im Laufe von Milliarden Jahren entwickelt und verbessert hat, sind unschlagbar.

STANDARD: Weil sie den Schlüssel zur Effizienz bilden?

Colani: Der Haifisch lebt seit 400 Millionen Jahren unverändert. Er muss also schon vor 400 Millionen Jahren den Grad einer aerodynamischen Perfektion erreicht haben, von denen unsere Idioten im Schiffsbau nie etwas begriffen haben. Die Muslime sagen: Allah ist alles. Und sie haben recht damit. Doch die Techniker in unseren großen Konstruktionsbüros – und ich treibe mich nur mit solchen Leuten rum – sind vernagelt! Die arbeiten nur mit 30 Prozent. Die anderen 70 Prozent sind denen suspekt, weil sie zu dämlich sind, sie zu begreifen. Dabei ist die Natur die stärkste und tiefgründigste Forschungseinheit, die uns zur Verfügung steht.

STANDARD: Was sollten die Schiffsbauer Ihrer Meinung nach anders machen?

Colani: Vor ein paar Jahren habe ich einmal das schnellste Containerschiff der Welt gebaut. Es kostete zwar dreimal so viel wie alle anderen, dafür hatte es einen gebogenen Rumpf, der der Erdkrümmung folgt. Das waren zwar nur ein paar Zentimeter, doch der Effekt war enorm. Aufgrund dieser Konstruktion konnten wir die Rumpfwände bei gleicher Festigkeit um einen Zentimeter dünner machen. Die Schiffe waren damit nicht nur schneller als alle anderen. Sie haben auch deutlich weniger Treibstoff verbraucht. Aber das hat nicht gezogen – wie alle meine Entwicklungen.

STANDARD: Für Aufsehen haben Sie auch mit stromlinienförmigen Lkws gesorgt, die mit einer gewöhnungsbedürftig zerknautschten Kabine aufwarteten.

Colani: Ja, auch die haben nur halb so viel an Treibstoff verbraucht wie alle anderen Lkws. Doch weil ich Firmen wie Mercedes wegen ihrer rückständigen Formen immer wieder in den Arsch getreten habe, haben sie es sich zur Aufgabe gemacht, Colani in Deutschland unmöglich zu machen. Und das haben sie auch geschafft. Es ist doch komisch, dass ich in meinem eigenen Land keinen Fuß auf den Boden bekomme und überall sonst auf der Welt eine Supertopfigur bin. Darum bin ich auch gegangen. Gegen diese Masse der Gehirnlosen anzutreten, halte ich für völlig falsch.

STANDARD: Stimmt es, dass Sie Ihre organischen Formen mit der Hand modellieren? Die meisten jüngeren Designer würden dazu wohl eher zum Computer greifen.

Colani: Ich baue mit Karton, Spachtel und Gips eine neue Form, die plus/minus ein paar Millimeter genauso aussieht wie das fertige Produkt. Eine solche Form kann auch nur von Hand geformt sein! Was Hirn und Hand des Menschen in korrekter Kombination zusammen leisten, kann ein Computer nicht. Ein Computer kann eine Form zwar generieren und fräsen, doch wenn man sie dann in den Händen hält, muss alles wieder geändert werden. An meinen Arbeiten wird überhaupt nichts mehr geändert.

STANDARD: Also brauchen wir keine Computer?

Colani: Ein Computer ist uns gegenüber leicht dümmlich. Der ist nicht kreativ! Der sieht nur so aus. Darum verharrt die gesamte Forschung im Augenblick im Mittelmaß, weil sie sich nur noch mit Computern nach vorn und nach hinten bewegt. Die Leute suchen auf diesem Scheißding nur noch nach den Knöppen, die sie drücken sollen, anstatt das eigene Gehirn zu benutzen. Der Computer ist die große Fehlerquelle.

STANDARD: Auch im Alter von 87 Jahren bleiben Sie weiterhin rastlos. Wie sehen Ihre nächsten Schritte aus?

Colani: Ich fliege jetzt nach Korea und führe dort Gespräche mit der Regierung. Sie wollen Colani mit einem eigenem Thinktank verewigen. Außerdem bin ich nach Mailand eingeladen worden von den Männern, die den Nachlass von Leonardo da Vinci verwalten. Sie haben gesagt: "Nach jahrelanger Überlegung sind wir bereit, dich als Homo universalis als Nachfolger von da Vinci einzuführen." Ich mache ja viele Dinge kreuz und quer, von der Damenunterwäsche bis zum Überschallflugzeug. Dann habe ich gesagt: Leute, das ist eine viel zu große Ehre. Aber wartet noch. Im Moment bin ich einfach noch zu sehr in China verhaftet. (Norman Kietzmann, RONDO, 9.7.2016)

Zur Person

Luigi Colani wurde 1928 in Berlin geboren. Ab 1946 studierte er ebendort Bildhauerei und Malerei, später Aerodynamik an der Pariser Sorbonne, ehe er in Kalifornien bei der Douglas Aircraft Company anheuerte. Colani entwarf Autos u. a. für Fiat, VW und BMW, Möbel, Brillen, Kugelschreiber, Flugzeuge, Großtransporter, Polizeiuniformen und vieles mehr. Ab Mitte der 1990er-Jahre verlagerte er seine Hauptaktivitäten nach China, wo er verschiedene Professuren übernahm und ein Designstudio eröffnete.

www.colani.org

  • In seiner über 60-jährigen Karriere hat Luigi Colani nicht nur Autos, Züge und Flugzeuge entworfen. Auch Küchen und Computern verordnete der Vater des Blobs organisch-fließende Formen.
    foto: colani

    In seiner über 60-jährigen Karriere hat Luigi Colani nicht nur Autos, Züge und Flugzeuge entworfen. Auch Küchen und Computern verordnete der Vater des Blobs organisch-fließende Formen.

  • Luigi Colani mag es gerne rund. Kein Wunder, dass seine Konzeptküche für Poggenpohl (1968) als Raumschiffkugel daherkommt.  Der von Colani gestaltete Ferrari Testa d'Oro (1989) erzielte mit seinen aerodynamischen Konturen eine Spitzengeschwindigkeit von 351 km/h. Die Hülle des 3-D-Druckers Colani FreeSculpt für Pearl (2013) modellierte der Designer mittels Spachtel aus Karton und Gips. Selbst der Colani TV 72-400H (1996) von RFT Stassfurt ist für den Windkanal optimiert. Schwungvolles Sitzen erlaubt der Kunststoffstuhl Poly (1968) für Cor. Darunter gibt's den Computeraktenkoffer Colani Case (1990) für Highscreen. Selbst enge Kurven meistert eine Fahrzeugstudie mit getrennter Fahrgast- und Antriebszelle aus dem  Jahr 1970 (von oben).
    foto: colani

    Luigi Colani mag es gerne rund. Kein Wunder, dass seine Konzeptküche für Poggenpohl (1968) als Raumschiffkugel daherkommt. Der von Colani gestaltete Ferrari Testa d'Oro (1989) erzielte mit seinen aerodynamischen Konturen eine Spitzengeschwindigkeit von 351 km/h. Die Hülle des 3-D-Druckers Colani FreeSculpt für Pearl (2013) modellierte der Designer mittels Spachtel aus Karton und Gips. Selbst der Colani TV 72-400H (1996) von RFT Stassfurt ist für den Windkanal optimiert. Schwungvolles Sitzen erlaubt der Kunststoffstuhl Poly (1968) für Cor. Darunter gibt's den Computeraktenkoffer Colani Case (1990) für Highscreen. Selbst enge Kurven meistert eine Fahrzeugstudie mit getrennter Fahrgast- und Antriebszelle aus dem Jahr 1970 (von oben).

Share if you care.