Elvis, die Cadillacs und der Mann auf dem Mond

Blog7. Juni 2016, 12:37
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Was das Geschäft mit den Elvis-Presley-Imitatoren über eine Nostalgie sagt, die auch Donald Trump beschwört

Steve Mitchell trägt eine Perücke, pechschwarzes Haar, er hat lange, breite Koteletten und einen Gürtel, auf dessen überbreiter Schnalle feine Goldfäden das Motiv einer am Himmel aufgehenden Feuerwerksrakete bilden. Sein grauer Overall ist mit blau schimmernden Lapislazuli-Steinen besetzt, die Hosen haben einen so breiten Schlag, dass man befürchten muss, er könne jeden Moment über den Stoff stolpern.

Nach ein paar Minuten beginnt Mitchell zu schwitzen. Er steht im Scheinwerferlicht, zieht einen Seidenschal aus dem Kragen und wischt sich damit über Stirn und Hals. Wenn er gut durchnässt ist, hält er ihn dem Publikum entgegen, den Frauen, die bereits Schlange stehen vor der in Schummerlicht getauchten Bühne. Einer von ihnen legt der Sänger sein Tuch um den Hals, während sich die anderen gedulden müssen, bis das nächste, das er sich zwischen zwei Liedern reichen lässt, angemessen durchgeschwitzt ist. Steve Mitchell ist Elvis, der King des Rock 'n' Roll.

"Hier kommt die Nummer 56"

Elvis Presley, der am 16. August 1977 in Memphis mit einem guten Dutzend unterschiedlicher Medikamente im Bauch starb, feiert in Ocean City, einer Betonwürfelstadt an der Atlantikküste Marylands, mit schöner Regelmäßigkeit Auferstehung. Ein Ballsaal in einem Dreisternehotel, an der Decke billige Kronleuchter, irgendwann macht ein Elvis-Imitator namens Jay Allan einen leicht sarkastischen Witz. "Ladies and Gentlemen, das Lied, das ich gleich singe, haben Sie heute bestimmt schon 55-mal gehört. Egal, hier kommt die Nummer 56."

Jeffrey Krick pflegt die Marotte, jeden Titel so anzusagen, als feiere er eine Weltpremiere: "Gestern hab ich den Song hier zu Ende gebracht, er heißt 'Help Me'." Steve Mitchell versucht in der Pause zwischen zwei Auftritten ein kleines Problem zu lösen. Ihm sind die Schals ausgegangen, er muss dringend neue auftreiben, um seine Fans nicht zu enttäuschen.

Künstler, keine Nachahmer

Allan, Krick, Mitchell – sie alle verdienen ihr Geld, indem sie als Elvis-Nachahmer quer durch die Vereinigten Staaten reisen, von Brunswick in Georgia nach Lake George in New York, von Las Vegas nach Memphis. Nur dass sie es nicht gern hören, wenn man sie Nachahmer nennt. Künstler zu Ehren von Elvis, das wäre korrekt. Das Phänomen dabei ist, dass es keineswegs nur die älteren Jahrgänge sind, die zu den Elvis-Festivals strömen. Susannah Thompson ist 28 und sagt: "Elvis war einfach gut, außerdem schloss er sich nicht ein im Elfenbeinturm seines Reichtums. Er war einer von uns, nur wahnsinnig talentiert."

Es gibt dünne Elvisse und dicke, "wir haben auch den 500-Pfund-Elvis zu bieten", ergänzt Mitchell und meint ein Schwergewicht namens Peter Vallee. "Tolle Stimme, der Mann hat genau das Timbre vom King." Dan Barrella, Künstlername DB King, beherrscht sie am besten, die Kunst, so mit den Knien zu wackeln, zu zittern, wie Elvis es tat. Und Mitchell betont, dass er sich nicht vorstellen kann, eine andere Sängerrolle zu spielen, immer nur Elvis. "Das ist wie mit den Honeymooners. Du schaust sie dir ein ums andere Mal an, ohne dass dir langweilig wird." Die "Honeymooners" sind eine Sitcom aus den 1950er-Jahren, eine Serie über kleine Leute im großen New York, die sich irgendwie durchs Leben schlagen.

Mitchell wurde zum Elvis-Fan, als er 1973 im Alter von acht Jahren vorm Bildschirm saß und das Konzert "Aloha from Hawaii" lief. Weil er gut singen kann und Elvis tatsächlich ähnlich sieht, schaffte er es, seinen Lebensunterhalt mit dem Kopieren des Superstars zu bestreiten. Ein bisschen nachhelfen, sagt er, dürfe man schon. Perücke tragen, die Koteletten schwarz färben, solche Sachen.

Die gute alte Zeit

Der Ballsaal in Ocean City ist besetzt bis auf den letzten Platz, und fragt man Mitchell nach den Gründen, klingt seine Antwort nach Nostalgie, nach der Sehnsucht nach den verklärten 50er- und 60er-Jahren, die auch Donald Trump beschwört, um bei enttäuschten Wählern zu punkten. "Gute Zeiten. Auf den Straßen fuhren Cadillacs, Amerika hat 'Superman'-Hefte gelesen und Menschen auf den Mond geschickt." Heute dagegen: der ewige Ärger im Nahen Osten, die Angst vor dem IS, die ganze Welt ein einziges Chaos. Mit Elvis, sagt Mitchell, lasse sich das alles für eine Weile vergessen. Im Rampenlicht sagt Jeffrey Krick, der mit dem Weltpremierentick, derweil sein nächstes Lied an. "Das hier habe ich 1969 geschrieben. Es heißt 'In The Ghetto'." (Frank Herrmann aus Ocean City, 7.6.2016)

  • Steve Mitchell lässt Elvis Presley in Ocean City wiederauferstehen.
    foto: frank herrmann

    Steve Mitchell lässt Elvis Presley in Ocean City wiederauferstehen.

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