Netzhaut-Chips für Blinde sollen besser werden

7. Juni 2016, 11:40
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Rund 300 Menschen weltweit tragen die Technik bereits im Auge: Vor allem bei Auflösung, Energieversorgung und Handhabung gibt es noch Defizite

Nürnberg – Etwa 300 Blinde weltweit können durch einen Netzhaut-Chips im oder auf dem Auge wieder etwas sehen. Die Technik, die seit mehr als zehn Jahren im Einsatz ist, soll Patienten mit der erblich bedingten Augenkrankheit Retinitis pigmentosa helfen. Dabei sterben die Sehzellen ab, die in der Netzhaut Licht in elektrische Impulse umwandeln.

In Deutschland leben etwa 30.000 bis 40.000 Menschen mit dieser Krankheit, wie Augenarzt Armin Scharrer sagt. Pro Jahr erblinden knapp 1.000. Die noch teure Technik kann ihnen zwar helfen, allerdings gilt es einiges zu verbessern. Darüber diskutieren Experten beim Internationalen Kongress der Deutschen Augenchirurgen in Nürnberg, der ab 9. Juni stattfinden wird.

Zwei Arten von Chips werden derzeit genutzt – ein US-amerikanischer und ein deutscher. "Alle Entwickler arbeiten intensiv an der Verbesserung – vor allem was die Haltbarkeit und Handhabbarkeit betrifft", sagt Kongress-Präsident Scharrer. Ziel sei, dass der Chip 20 bis 30 Jahre lang im Auge bleiben kann, denn die Patienten seien bei Ausbruch der Krankheit erst 30 bis 40 Jahre alt. Derzeit kann der deutsche Chip bis zu fünf Jahre im Auge bleiben, das amerikanische Patent etwas länger. Auch die Qualität des Sehens soll künftig besser werden – durch eine höhere Pixelzahl auf dem Chip.

Nur für Patienten, die früher sehen konnten

Grundsätzlich sei die Technik für die Betroffenen "ein großer Schritt in die richtige Richtung". Sie können damit zumindest wieder grobe Umrisse, Menschen oder große Gegenstände und Bewegungen erkennen. Die Patienten können dabei aber nur in Grau-Tönen sehen. Auch die Anpassung an die Umgebungshelligkeit müssen die Betroffenen mit Hilfe eines kleinen Geräts steuern. Im Vergleich zur Sehkraft eines Gesunden sei das zwar nicht immens, sagt Scharrer, aber wer blind ist, für den bedeutet ein wenig zusätzliche Sehkraft schon sehr viel." Drei von vier Patienten sagten: Der Eingriff sei zwar kompliziert und schwierig, aber er habe sich gelohnt.

Das von Tübinger Forschern entwickelte deutsche Implantat (Alpha IMS) wird unter die Netzhaut gesetzt. Der drei mal drei Millimeter große Chip ersetzt dort die abgestorbenen lichtempfindlichen Sehzellen, die sogenannten Zapfen. Wie bei einem Kamera-Chip nehmen 1.500 Fotodioden einfallendes Licht auf und wandeln es in elektrische Signale um. Diese werden über den Sehnerv ans Gehirn weitergegeben, wo dann wieder Bilder entstehen können. Das funktioniert bei etwa 75 Prozent der Patienten. Die Technik kann jedoch nur bei Menschen genutzt werden, die schon einmal sehen konnten.

Komplizierte Operation

Der rund siebenstündige Eingriff werde inzwischen an 17 deutschen Augenkliniken vorgenommen. 50 Patienten haben den Chip aus Baden-Württemberg bereits im Auge. Nach der OP müssen die Patienten mehrere Monate üben, um die neuen Seheindrücke verarbeiten zu können.

Der Eingriff wird von einem Augenarzt und einem Neurochirurgen durchgeführt. Denn das Energiemodul – die Batterie – wird am Hinterkopf unter die Haut gesetzt. Ein Kabel führt davon aus durch den Kopf zum Auge. "Das ist also wirklich eine komplizierte Sache", sagt Scharrer. Alles in allem kostet die Behandlung rund 100.000 Euro. In Deutschland seien mittlerweile einige Krankenkassen bereit, die Kosten zu übernehmen.

Kein Mittel gegen "Altersblindheit"

Die US-Technik (Argus II) hat im Gegensatz zur Deutschen nur 60 Elektroden und liefert damit kein so gutes Bild, betont Scharrer. Dafür ist die OP deutlich weniger kompliziert: Der Patient trägt hier eine Brille mit einer Kamera. Die Bild-Signale werden drahtlos an den Chip im Auge übertragen, der nicht unter, sondern auf der Netzhaut sitzt. Auch die Batterie wird hier nicht implantiert, sondern steckt in einem Kästchen in der Tasche.

Dass der Netzhaut-Chip in Zukunft auch bei anderen Augenerkrankungen eingesetzt werden kann – etwa bei der sehr häufigen "Altersblindheit" oder altersabhängigen Makuladegeneration – ist bisher eher unwahrscheinlich. In Amerika ist dazu eine erste Studie gemacht worden, sagt Scharrer. Die Ergebnisse seien zwar noch nicht veröffentlicht – "aber wie es scheint, sind sie nicht ermutigend". (APA, dpa, 7.6.2016)

  • Beim US-Amerikanischen Modell der "künstlichen Retina" trägt der Patient eine Brille mit einer Kamera. Die Bild-Signale werden drahtlos an den Chip im Auge übertragen, der nicht unter, sondern auf der Netzhaut sitzt.
    foto: reuters

    Beim US-Amerikanischen Modell der "künstlichen Retina" trägt der Patient eine Brille mit einer Kamera. Die Bild-Signale werden drahtlos an den Chip im Auge übertragen, der nicht unter, sondern auf der Netzhaut sitzt.

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