Kurdische Journalisten in der Türkei: "Wir riskieren unsere Leben"

7. Juni 2016, 10:55
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Redakteure der prokurdischen Tageszeitung "Özgür Gündem" warnen vor Eskalation des Kurdenkonflikts

Istanbul – Der Druck auf prokurdische Journalisten in der Türkei wächst. "Wir gelten alle als Terror-Unterstützer", sagte Mehmet Akyol, Redakteur der türkisch-kurdischen Tageszeitung "Özgür Gündem" mit Sitz in Istanbul. "Jeder von uns muss täglich damit rechnen, von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan verklagt zu werden, ins Gefängnis zu müssen, oder ermordet zu werden", so Akyol.

"Özgür Gündem" ("Freie Agenda") ist die einzige türkisch-kurdische Tageszeitung, die sich explizit kurdischen Themen widmet. Rund 40 Mitarbeiter arbeiten landesweit für das Blatt, welches mit einer Auflage von 20.000 Exemplaren erscheint. Rund 80 Journalisten der Zeitung sind in den vergangenen zwei Jahrzehnten getötet worden.

Druck steigt

Seit der Eskalation des türkisch-kurdischen Konflikts im Sommer vergangenen Jahres würde der Druck auf das Blatt wieder zunehmen. "Es gibt immer mehr Bedrohungen, Verfolgungen, als Journalist bei Özgür Gündem zu arbeiten, ist gefährlich", stellte Akyol fest. Erst kürzlich sei ein Kollege im südöstlichen Cizre bei der Arbeit ermordet worden – nur weil er einen Presseausweis besaß, erzählte der Redakteur und fügte hinzu: "Wir riskieren täglich unsere Leben, weil wir an die Wahrheit glauben."

Zudem sind laut Akyol immer weniger Trafiken bereit, die Zeitung zu verkaufen. Privatpersonen, die Abo-Exemplare verteilen, seien immer wieder Drohungen oder gar körperlichen Angriffen ausgesetzt. "Für die Regierung und für Nationalisten sind wir ein Feindbild, weil wir die Rechte von Kurden und anderen Minderheiten verteidigen", so Akyol.

Kampagne

Die Zeitung startete wegen des zunehmenden Drucks vor kurzem eine Kampagne. In dieser solidarisieren prominente türkische Journalisten das Blatt. Gegen rund 30 der Unterstützer wurden Ermittlungen wegen Terror-Propaganda eingeleitet. Gegen die "Özgür Gündem"-Mitarbeiter wären momentan rund 100 Verfahren anhängig. Der Anwalt der Zeitung sagte der APA, die Staatsanwaltschaft ermittle dabei auf Grundlage der Antiterrorgesetze.

"Wenn es so weitergeht, wird ein Zusammenleben zwischen Türken und Kurden unmöglich", zeigte sich Akyol skeptisch. Noch gebe es Hoffnung auf eine Rückkehr in das vergangene Jahrzehnt, indem die Türken und Kurden friedlich zusammengelebt hätten. (APA, 7.6.2016)

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