Warum nicht eine freiwillige Mathematik-Matura?

Userkommentar7. Juni 2016, 17:35
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Wir widmen uns mit großem Aufwand den Schwächen der Schülerinnen und Schüler, anstatt ihre Stärken zu fördern. Auch das erklärte Ziel der Zentralmatura – Transparenz und Gerechtigkeit – blieb auf der Strecke

Heuer war das Bemühen des Bundesinstituts für Bildungsforschung (Bifie) zu erkennen, die Mathematik-Aufgaben der schriftlichen Zentralmatura möglichst unähnlich zu jenen des Aufgabenpools oder bekannter Aufgabenstellungen zu gestalten. Es wurde ein tieferes mathematisches Verständnis vorausgesetzt. "Auswendiglernen" durfte nicht zum Erfolg führen. Und es gab heuer – wenn man sich in einen nicht ausgesprochen mathematisch talentierten Schüler hineinversetzt – viel weniger leichte Aufgaben. All das führte dazu, dass die Ergebnisse an einer großen Vorarlberger Schule erheblich schlechter sind.

Während im Vorjahr etwas weniger Mädchen als Burschen durchgefallen sind – und der Notendurchschnitt der Mädchen erheblich besser war als jener der Burschen –, ist heuer die Durchfallsquote der Schülerinnen mehr als doppelt so hoch wie jene der Schüler. Die Tatsache, dass vonseiten der Schülerinnen sehr viel Zeit für die Vorbereitung auf Mathematik aufgewendet wurde, deutet darauf hin, dass diese versucht haben, auswendig zu lernen. Jedenfalls ist mit der diesjährigen Matura sehr viel Frustration bei den Schülerinnen und Schülern erzeugt worden.

Talente werden verschleudert

Nun kann man einwenden, dass es der Plan der Konstrukteure der Zentralmatura war, das Verständnis der Mathematik, wirkliche Kompetenzen und nicht Auswendiggelerntes abzuprüfen. Sie soll dabei transparent und gerecht sein. Deswegen war ich als Direktor und Mathematiker bis vor kurzem auch ein starker Befürworter der Zentralmatura.

Man kann der Meinung sein, dass es sehr wohl möglich ist, Schülerinnen und Schüler darauf hinzutrimmen. Ich wage an dieser Stelle jedoch zu bezweifeln, dass der Aufwand dafür den Nutzen rechtfertigt. Der Wissenschafter Markus Hengstschläger ("Die Durchschnittsfalle") hat schon vor Jahren darauf hingewiesen, dass Talente verschleudert werden, indem man mit großem Aufwand an den Schwächen feilt, anstatt die Stärken zu fördern.

Freiwillige Mathematik-Matura

Wäre es nicht sinnvoller, die Mathematik-Matura anspruchsvoller und dafür freiwillig zu machen, wie es auch in anderen Ländern, etwa in Finnland, üblich ist? Die Universitäten könnten dann in den Aufnahmebedingungen für naturwissenschaftliche, wirtschaftliche und technische Studienrichtungen die erfolgreiche Absolvierung (mit guten Noten) der Mathematik-Matura fordern. Das würde sowohl den Universitäten als auch den Schulen guttun.

Differenzen zwischen AHS und BHS

Schwerwiegender noch erscheint die auffällige Ungleichbehandlung der Maturantinnen und Maturanten der verschiedenen Schultypen, die umgehend abgestellt gehört. Heuer wurde erstmals auch an BHS eine Zentralmatura verpflichtend abgehalten. Bisher war ich der irrigen Meinung, Teil 1, der die Grundkompetenzen abprüft, sei bei allen Schultypen gleich, und in Teil 2 werde auf die Eigenheiten der jeweiligen Schulform eingegangen. Das hätte eine gewisse Logik.

Ein Vergleich zeigt jedoch, dass die BHS gar keine kompetenzorientierte Reifeprüfung bekommen haben, sondern fast ausschließlich Rechenaufgaben mit mehr oder weniger Praxisbezug, wie sie früher schon an allen Schultypen üblich waren. Nun soll hier nicht behauptet werden, die Aufgaben der BHS seien besonders leicht gewesen. Es liegt aber auf der Hand, dass Berechnungen mit Zahlen nach bekannten Mustern den Schülerinnen und Schülern leichter fallen, als "hintenherum" über einen theoretischen Sachverhalt nachdenken zu müssen. Für die AHS-Aufgaben ist nach meiner Einschätzung ein wesentlich tieferes mathematisches Verständnis erforderlich gewesen.

Ein verfehltes Ziel

Das erklärte Ziel der Zentralmatura war es, die allgemeine Studierfähigkeit durch klar definierte Standards und erreichte Grundkompetenzen sicherzustellen. Dafür wäre in Mathematik der Teil 1 der AHS-Matura gedacht. Man fragt sich, warum BHS-Maturanten diesen nicht brauchen, um dieselbe Studienberechtigung zu erhalten.

Die neue Bildungsministerin sollte deshalb umgehend für eine transparente und für alle gerechte Zentralmatura sorgen – oder diese abschaffen. (Reinhard Sepp, 7.6.2016)

Reinhard Sepp ist Direktor am BRG und BORG Dornbirn-Schoren.

  • Der Fokus im österreichischen Schulsystem liegt zu sehr auf Schwächen der Schülerinnen und Schüler, anstatt deren Stärken zu fördern, kritisiert Genetiker Hengstschläger.
    foto: apa/dpa/ julian stratenschulte

    Der Fokus im österreichischen Schulsystem liegt zu sehr auf Schwächen der Schülerinnen und Schüler, anstatt deren Stärken zu fördern, kritisiert Genetiker Hengstschläger.

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