Österreich, die "gespaltene Nation"

Userkommentar8. Juni 2016, 20:10
467 Postings

Ein Erklärungsversuch anhand eines persönlichen Lebenslaufes – und ein Appell, warum es an der Zeit ist, das Land zu gentrifizieren

Ich komme aus einem, laut Kriterienkatalog der EU-Kommission kategorisierten "dünnbesiedelten Gebiet". Ein knapp 1.700 Einwohner zählender Weinbauort, mit einer katholischen Pfarrkirche, einem Postamt, einem Sportplatz, der Feuerwehr, einem Friseur, einer Tankstelle und einer schlechten Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel. Die meisten der hier Lebenden waren "Einheimische" und fanden ihre Partnerinnen und Partner zumindest in dieser Region. Einige pendelten – natürlich mit dem Auto – in den Nachbarort oder in die etwa 40 Kilometer entfernte Landeshauptstadt zur Arbeit. Manche hatten eine Landwirtschaft, andere waren in der Gastronomie tätig. Der Gemeinderat bestand aus ÖVP, SPÖ und FPÖ. Es war ein friedlicher Ort. Man kannte einander, das Zusammenleben konnte, abgesehen von den üblichen Unstimmigkeiten und nachbarschaftlichen Scharmützeln als harmonisch bezeichnet werden. Hier wuchs ich auf.

Es sind mittlerweile fast 20 Jahre vergangen, als ich wegzog. Seither hat sich einiges getan: die Post hat geschlossen, der Hausarzt geht bald in Pension und ein Nachfolger, eine Nachfolgerin wird emsig gesucht werden müssen, es gibt einen zweiten Ortsfriseur, eine weitere Partei zog in den Gemeinderat ("Team Gemeinde") und ein ersichtlicher Wohlstand ist in dieser Arbeiter-Mittelschicht eingekehrt.

Landflucht, Skepsis und Distanz

Vor den zumeist selbst erbauten (Mehrfamilien-)Häusern parken zumindest zwei Kraftfahrzeuge und gepflegte Thujen schmücken den stets gemähten, penibel gepflegten Garten. Trampoline und Klettergerüste hingegen finden sich eher in den Ortschaften nahe der Landeshauptstadt. Jene Gemeinden wurden durch die Landflucht nicht dermaßen reduziert weil junge Generationen blieben.

Der "Fremde" war indes immer schon etwas Sonderbares, dem man mit Skepsis und Distanz begegnete. Ob er aus der Stadt kam, oder gar jener Dunkelhäutige, der von Tür zu Tür ging um gemalte Bilder zu verkaufen – so wurde es mir als Kind erläutert, dass dieser in der noblen Karosserie an der Ortskreuzung eingesammelt werde und eigentlich gar nicht so hilfsbedürftig sei.

Der Städter als Exot

Demografisch hat sich wenig getan, der Kebab-Laden und das Chinesische Restaurant gibt es noch immer nicht, der Exot unter den Immigranten war und ist der gewöhnliche Städter.

Und inmitten dieser, fern von fremdländischen Einflüssen bestehenden "Idylle", wählten 75,57 Prozent der rund 1.400 Wahlberechtigten Norbert Hofer. Während in der Landeshauptstadt nur knapp 35 Prozent dem freiheitlichen Kandidaten das Vertrauen schenkten.

Skurrile urbane Momente

Analysen dazu gibt es bereits viele, meine persönliche Erfahrung ist diese: Es gab gelegentlich skurrile Momente, wenn mich Familienmitglieder in der Stadt besuchten. Wenn der Obdachlose durch die Straße flanierte und schwer verständlich Naziparolen ausrief, oder Jugendliche aus der Dominikanischen Republik am Platz zu fremden Klängen aus ihren Smartphones tanzten, oder eine Afrikanerin im psychotischen Schub an einer Kreuzung agitiert und inne hielt.

Ich empfand es so, als fänden solche Vorfälle häufiger und intensiver statt, wenn Besuch von zuhause dabei war. Ich weiß, dass diese Situationen das Bild des urbanen Lebens in Vielfalt und Heterogenität meinen Besuch vom Land prägte. Das hinterließ Skepsis am gemeinsamen, anonymen Leben in der Stadt.

Das Land aufwerten

Und dennoch ist diese Paradoxie insbesondere da zu zutreffend, wo in den bevölkerungsärmeren Regionen mehr Furcht vor dem Asylsuchenden als in den Ballungsräumen existiert. Die Ängste kann man ernst nehmen, muss man aber nicht.

Es bleibt diese Diskrepanz, wonach jene in Furcht lebenden Österreicherinnen und Österreicher nachweislich weniger Kontakt mit Flüchtlingen haben. Und diese Furcht ist ein politisch mobilisierbares Instrument. Vielleicht ist es an der Zeit, diese Strukturen aufzubrechen und sich nicht nur der Aufwertung von vernachlässigten Stadtvierteln im Sinne der Gentrifizierung zu widmen, sondern auch in diesen Überlegungen das gesamte Land miteinzubeziehen. (Thomas Schneeberger, 8.6.2016)

  • Die politische Landkarte nach der Präsidentenwahl: Die ländlichen Regionen sind blau gefärbt, die urbanen grün.
    foto: grafik apa

    Die politische Landkarte nach der Präsidentenwahl: Die ländlichen Regionen sind blau gefärbt, die urbanen grün.

Share if you care.