Mit Glücksnummern und der Gunst der Sterne zur Europameisterschaft!

Blog7. Juni 2016, 05:30
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Aberglaube und Pseudomedizin sind im Sport weit verbreitet. Bei der EM müssen wir uns wieder auf allerlei Unsinn gefasst machen

Am Wochenende beginnt die Fußball-Europameisterschaft in Frankreich. Und wo Sport getrieben wird, ist der Aberglaube meistens nicht weit. Das ist auch kein Wunder, denn neben den körperlichen Fähigkeiten kommt es im Leistungssport auch auf die geistige Einstellung an. Es werden also auch diesmal wieder jede Menge abergläubische Rituale absolviert werden.

Mario Gómez beispielsweise singt vor einem Spiel nie bei der Nationalhymne mit, seit er das einmal bei einem U15-Match so gemacht und dann gleich ein Tor geschossen hat. Andere Spieler tragen bei jedem Match die gleiche Unterhose, betreten den Rasen immer zuerst mit dem linken/rechten Fuß oder bestehen auf ihrer "Glücksnummer" am Trikot. Rational gesehen mag das zwar Unsinn sein. Aber wer sich danach besser fühlt, spielt vielleicht auch ein wenig besser.

Oder auch nicht. Der Aberglaube im Sport kann durchaus noch absurder werden. Wenn man – wie das vom ehemaligen französischen Nationaltrainer Raymond Domenech überliefert ist – so sehr an die Astrologie glaubt, dass man auch die Aufstellung und die Zusammensetzung des Kaders von den Sternzeichen abhängig macht, darf man sich auch nicht über ein Ausscheiden in der WM-Vorrunde wundern (was Frankreich 2010 passiert ist).

Homöopathie und Energiearmbänder

Und dann ist da natürlich immer wieder auch die Pseudomedizin. Vom Institut für Sportwissenschaft der Universität Tübingen wurde im Jahr 2013 eine Umfrage unter Spitzensportlern verschiedenster Disziplinen durchgeführt. Die Ergebnisse sind deprimierend: Fast alle (97,3 Prozent) gaben an, eines der abgefragten Verfahren zu verwenden.

Fast 44 Prozent griffen zu homöopathischen Mitteln, 15,4 Prozent haben schon einmal Bachblüten genutzt. Angebliche "Energiearmbänder" waren in fast 24 Prozent der Fälle im Einsatz. "Nahrungsergänzungsmittel" ohne nachgewiesene sportmedizinische Wirkung nutzten 70 Prozent der Sportler. Ein weiteres interessantes Ergebnis der Umfrage: Den meisten Sportlern war überhaupt nicht bewusst, dass das, was sie da tun, keine echte Medizin ist. Wurden sie direkt gefragt, ob sie "alternativ- oder komplementärmedizinische Verfahren" nutzen, bejahten das nur knapp 31 Prozent.

Was nicht wirkt, ist auch kein Doping

Andererseits bleibt den meisten Spitzensportlern angesichts der strengen Dopingrichtlinien auch fast nichts anderes übrig, als sich der Pseudomedizin zuzuwenden. Energiearmbänder und Globuli mögen zwar nicht wirken, führen aber wenigstens auch nicht zu einem positiven Dopingtest – und vom Placebo-Effekt kann man immer noch profitieren.

Der Aberglaube auf dem Spielfeld wird während der Fußball-Europameisterschaft im Publikum widergespiegelt. Die Fans werden sich wieder den verschiedensten Orakeln zuwenden, um mehr über das angebliche Abschneiden ihres Teams zu erfahren. Neben den mehr oder weniger kompetenten Experten in den Medien existieren ja seit einigen Jahren auch tierische Orakel.

Am bekanntesten davon war wahrscheinlich der Krake "Paul" aus dem Aquarium in der nordrhein-westfälischen Stadt Oberhausen. Paul wurden vor jedem Match zwei mit den entsprechenden Nationalflaggen bedruckte Kisten präsentiert, in denen sich Futter in Form von Muscheln befand. Die Auswahl einer der Kisten wurde als "Vorhersage" des Gewinners durch den Kraken interpretiert, und tatsächlich lag Paul bei allen Spielen der deutschen Mannschaft richtig.

Tierische Orakel

Wissenschafter wiesen zwar darauf hin, dass dieser Versuchsaufbau alles andere als sauber sei und es genug Gründe gebe, wieso sich der Oktopus für eine bestimmte Kiste entschied (zum Beispiel die Struktur der Flagge) – auch ohne auf übernatürliche Fähigkeiten zurückgreifen zu müssen. Aber seitdem erfreuen sich die "Orakeltiere" großer Beliebtheit. Im Leipziger Zoo wird diesmal der Koala "Oobi-Ooobi" die Spielergebnisse prognostizieren. In Konstanz am Bodensee setzt man weiterhin auf Kraken und hat diesmal "Anna" zum Orakel erkoren.

In Brandenburg übernimmt diese Aufgabe der Pinguin "Flocke". Anderswo haben Zoos, Zeitungen, Fernsehsender und andere Institutionen Hunde, Katzen, Hühner und jede Menge anderes Getier aufgeboten, um den Ausgang der Europameisterschaft zu prognostizieren. Eines ist sicher: Bei so vielen Orakeln wird mit Sicherheit wieder das eine oder andere Tier dabei sein, dessen Prognosen überdurchschnittlich gut sind. Dafür sorgt allein schon die Statistik.

Die meisten werden aber genauso oft danebenliegen, wie es bei zufälligem Raten zu erwarten ist. Und im Gegensatz zu den menschlichen Experten können sie die Schuld daran am Ende nicht einmal auf den Schiedsrichter schieben ... (Florian Freistetter, 7.6.2016)

  • Vor dem menschlichen Aberglauben ist keine Tierart sicher: Der Krake Paul (2008–2010) erlangte als "Tentakel-Orakel" Berühmtheit.
    foto: apa/dpa/roland weihrauch

    Vor dem menschlichen Aberglauben ist keine Tierart sicher: Der Krake Paul (2008–2010) erlangte als "Tentakel-Orakel" Berühmtheit.

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