Libyen: IS kommt in Sirte in Bedrängnis

6. Juni 2016, 17:25
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Premier Sarraj hofft auf Ausbau seiner Machtposition durch Sieg gegen Islamisten

Sirte/Kairo – Der "totale Sieg" gegen die Dschihadisten in deren Hochburg Sirte sei nahe, kündigte der Premier der UN-gestützten Regierung, Fayez al-Sarraj, im Interview mit einer französischen Sonntagszeitung an. In den vergangenen Tagen konnten die militärischen Kräfte, die meisten aus Misrata, Erfolge gegen den IS vermelden, der sich mit mehr als zwei Dutzend Selbstmordanschlägen zur Wehr setzte. Die Soldaten kontrollieren jetzt eine Militärbasis im Süden sowie den internationalen Flughafen und stoßen ins Zentrum der Stadt vor. Gekämpft wird mit schweren Waffen, auch Flugzeuge und die Marine sind im Einsatz. Auf beiden Seiten gibt es Verluste. In Sirte werden rund 1.500 IS-Dschihadisten vermutet. Der Großteil der Zivilbevölkerung ist geflohen.

Sarraj schloss eine internationale Intervention, etwa Luftschläge gegen IS-Stellungen, aus. Er betonte aber, dass man auf technische Hilfe wie Satellitenaufnahmen und internationale Geheimdiensterkenntnisse angewiesen sei. In diesem Bereich gibt es bereits eine Kooperation mit mehreren Ländern. Von den ausländischen Spezialeinheiten, die sich in Libyen aufhalten, soll allerdings niemand in Sirte im Einsatz sein. Der UN-Sicherheitsrat hatte erst vor wenigen Tagen noch einmal klargestellt, dass Waffen erst dann geliefert würden, wenn die Regierung sicherstellen könne, dass sie nicht in die falschen Hände geraten.

Dem Premier ist es jedoch noch nicht gelungen, die verschiedenen rivalisierenden Kräfte zu vereinen. Seine Ankündigung, niemand würde von einer nationalen Armee ausgeschlossen – auch nicht General Khalifa Haftar –, hat Haftars starre Haltung nicht beeinflusst. Es sei undenkbar, dass seine Militärkräfte der UN-unterstützten Regierung beiträten, solange diese ihre Milizen nicht aufgelöst habe, ließ Haftar wissen, der sich als einzig legitimer Armeechef versteht.

Gespaltene Institutionen

Am Wochenende haben immerhin zwei wichtige Einheiten, die bisher loyal zu Haftar standen, die Seiten gewechselt und sich der Regierung der Nationalen Einheit in Tripolis angeschlossen. Haftar hatte ebenfalls angekündigt, Sirte befreien zu wollen. Derzeit sind seine Truppen aber noch in Bengasi beschäftigt, darum scheint die befürchtete militärische Konfrontation zwischen Haftar und Sarraj vorerst abgewendet.

Ein militärischer Erfolg in Sirte könnte seine Machtposition verbessern, hofft Sarraj. Immer noch ist das Vertrauensvotum im Parlament ausständig. Die Libyer haben bis jetzt kaum Fortschritte in ihrem beschwerlichen Alltag gesehen, die häufigen Stromausfälle werden immer länger. Die meisten nationalen Institutionen sind immer noch gespalten. So haben beide Teile der Nationalbank neues Geld drucken lassen – die einen in Russland, die anderen in England. Ein Lichtblick ist immerhin die Nationale Ölgesellschaft, deren beide Hälften sich auf ein Grundsatzabkommen geeinigt haben. (Astrid Frefel, 6.6.2016)

  • Libysche Kämpfer, die gegenüber der UN-gestützten Regierung loyal sind, in einem westlichen Vorort von Sirte.
    foto: apa/afp / mahmud turkia

    Libysche Kämpfer, die gegenüber der UN-gestützten Regierung loyal sind, in einem westlichen Vorort von Sirte.

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