Stade de France, Notfallübung und die Mauer der Schande

Reportage6. Juni 2016, 16:55
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Der Fußballtempel war schon Schauplatz einer Terrorattacke. Doch die Anrainer wehren sich gegen das Image einer gefährlichen Banlieue-Zone

Paris – Die "Bombe" geht um 10.43 Uhr hoch, nur wenige Schritte vom Stadion entfernt. Der Knall in der Fußgängerunterführung ist so laut, dass die Jugendlichen aufkreischen und wie von selbst umfallen. Sie sind aus dem Stade de France geflüchtet, wo eine erste Explosion stattgefunden hatte. Jetzt sind sie vom Regen in die Traufe geraten – zwei Dutzend Schüler bleiben auf dem nassen Asphalt zurück.

Die Notfallübung inszeniert ein "Multiattentat", wie es die Polizeikommissarin Johanna Primevert im neotechnischen Jargon der Pariser Ermittler nennt. Zuerst hatten sich fiktive Terroristen im Stadtpark der Standortgemeinde Saint-Denis in die Luft gesprengt, dann taten es ihnen andere in der Arena während eines EM-Spiels gleich. 500 Statisten rannten in Panik davon, um hier, beim dritten Attentatsort, in eine neue Terrorfalle zu geraten.

Gabriel Plus von der Pariser Feuerwehrbrigade klärt die anwesenden Journalisten auf: "Ziel ist es, eine Krisensituation zu antizipieren und zu koordinieren. Zuerst klären wir ab, ob sich noch ein Kamikaze versteckt hält oder explosives Material vorhanden ist. Dann schätzen wir das Ausmaß der benötigten Hilfe ab."

Als Erste erscheinen Elitepolizisten von der Antiterroreinheit Raid. Sie verfügen über Laserpistolen, Schutzschilde mit grellen Scheinwerfern sowie einen Entminungsroboter. Dann beginnt das Sirenenkonzert. Rund vierzig Rettungs-, Polizei- und Feuerwehrwagen preschen ab 10.58 Uhr heran. Die Helfer sind nicht gewarnt worden, sie proben wirklich den Ernstfall. Alles wirkt echt, beängstigend echt. Die "Opfer" scheinen richtig verstört. Es sind Teenager aus den umliegenden Banlieue-Schulen, viele mit Kopftuch, nicht nur als Regenschutz. Sie wissen, dass es bei den Anschlägen des 13. November nur der Aufmerksamkeit der Türsteher zu verdanken war, dass die drei Jihadisten nicht ins Stadion eindringen konnten.

Noch etwas weiß man heute: Die späteren Attentäter von Brüssel wollten in Paris kurz vor der EM zuschlagen, um deren Abbruch zu bewirken. "Das wäre eine Schande für sie, ein großer Finanzverlust", sagte ein Attentäter auf der unlängst entdeckten Tonaufnahme. "Das wäre ihnen eine Lehre."

Neue Art des Angriffs

Die Terrorbande ist außer Gefecht. Trotzdem warnt der Vorsteher des französischen Inlandgeheimdienstes DGSI, Patrick Calvar, vor einer "neuen Art des Angriffs". Nur: welche Art? Beim französischen Cupfinale Ende Mai versagten die Sicherheitskontrollen im Stade de France jedenfalls kläglich, als es Anhängern aus Marseille und von Paris SG gelang, ein ganzes Arsenal auf die Tribünen zu schmuggeln: Leuchtkörper, Rauchbomben, Glasflaschen. Alle acht bis neun Millionen EM-Zuschauer in den Stadien und Fanmeilen auf ein kleines Sprengstoffpaket abzutasten, scheint da unmöglich.

Innenminister Bernard Cazeneuve scheut keinen Aufwand: 90.000 Polizisten, Elitesoldaten, Feuerwehrleute und private Wächter bietet er für die EM auf. Um das Stade de France ließ er auf Wunsch der europäischen Fußballunion (Uefa) einen rammgeschützten Metallzaun von 2,4 Meter Höhe errichten, der die Arena von der Standortgemeinde Saint-Denis hermetisch abschottet. Nicht gerade ein Symbol für sportliche Verbrüderung. Die Wirte der umliegenden Brasserien, die auf guten Umsatz hofften, schimpfen über die "Mauer der Schande". Das Sportwarengeschäft Decathlon gleich neben dem Stadion ist jetzt schon leer. "Diese Hochsicherheit ist eine Katastrophe für das Geschäft", sagt ein unbeschäftigter Verkäufer.

Und nicht nur fürs Geschäft. Der kommunistische Bürgermeister von Saint-Denis, Didier Paillard, beschwert sich, der Schutzzaun grenze die ganze Vorstadt aus. Dabei fühlt sich Saint-Denis als weltoffene, in jeder Hinsicht multikulturelle Banlieue-Stadt. In der weltberühmten Basilika liegen die meisten französischen Könige begraben.

Im Rathaus von Saint-Denis regieren seit 1945 die Kommunisten, was an Straßennamen wie "Avenue Lénine" sichtbar ist. Und die 110.000 Einwohner, die aus mehr als hundert Ländern stammen und eines der geringsten Steueraufkommen Frankreichs aufweisen, geben der Stadt ein orientalisches Flair.

Für eine "soirée orientale" wirbt auch ein Plakat in der Rue du Corbillon. In dieser Straße hoben die Eliteeinheiten des Raid am 18. November das Terrornest von Abdelhamid Abaaoud aus, der fünf Tage zuvor die Attentate auf das Bataclan-Lokal und das Stade de France koordiniert hatte. Heute steht das Wohnhaus leer, die Fenster sind vernagelt. Auch eine historische Stätte – für die sich hier aber niemand interessiert.

Thema, kein Thema

In der Fußgängerzone ums Eck hängen riesige Flaggen der EM-Teilnehmerstaaten. Von den Passanten sind indes die wenigsten Europäer, der maghrebinische Bäcker erzählt in aller Offenheit, wie an jenem 18. November das ganze Viertel am frühen Morgen von den Schüssen und Sprengsätzen widergehallt habe, um anzufügen: "So muss es im Krieg sein." In Saint-Denis geniert das Thema Terror nicht. Hier ist allen klar, dass diese Jungs, wie der algerische Boulanger sagt, "Verrückte" waren, die mit richtigen Muslimen nichts zu tun haben.

Nur ein gewisser Karim, Angestellter in der nahen Moschee Tawhid, klagte in der konservativen Zeitschrift "Le Figaro Magazine": "Wir sind von Integristen umzingelt." Diese "fous d'Allah" (Verrückte Allahs) störten sich daran, dass in der Basilika 300 Meter weiter auch Karl Martell liege, der 732 den islamischen Vorstoß aus Spanien in der Schlacht von Tours und Poitiers gestoppt hatte. In Saint-Denis hat sich Karim mit seinen Aussagen wenige Freunde gemacht. Bürgermeister Paillard bestreitet, dass seine Stadt ein Salafistenpfuhl sei, wie Pariser Medien behaupten: "Die Hauptsorge unserer Einwohner ist nicht der Islamismus, sondern der Mangel an Lehrern und an Polizisten. Wir sind stolz, in dieser jungen, volkstümlichen und durchmischten Stadt zu leben."

Stolz, aber ausgesperrt vom Fußballfest: Die Einwohner von Saint-Denis werden die EM von der anderen Seite des Zauns mitverfolgen. Nur zur Sicherheit. (Stefan Brändle, 6.6.2016)

  • Simulation eines "Multiattentats" beim EM-bereiten Stade de France in Saint-Denis.
    foto: standard/brändle

    Simulation eines "Multiattentats" beim EM-bereiten Stade de France in Saint-Denis.

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