Zeichen und Wunder

6. Juni 2016, 15:46
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"Wehe den eiskalten Ungeheuern" bei den Festwochen im Wiener Konzerthaus

Wien – Zwei Tage, vier Konzerte, acht Musikstücke – und ebenso viele Manifestationen der Relevanz von Kunst für das Leben, ihrer Sensibilität für die Realität sowie ihres Anspruchs, auf die gelebte Praxis zurückzuwirken: Das war Wehe den eiskalten Ungeheuern im Konzerthaus im Rahmen der Wiener Festwochen, für das Intendant Markus Hinterhäuser eine stringente Zusammenstellung von Werken vornahm, um in der Mitte des Programms selbst in die Tasten zu greifen.

Wohl in der Überzeugung, dass an die größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte ständig erinnert werden müsse, entsprangen zentrale Werke künstlerischer Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus. Sie wurden mit Musik der 1970er- bis 1990er-Jahren verwoben, um unmittelbare Brücken zu Problemen der Gegenwart anzudeuten.

Religiöse Zuflucht

Gespenstisch, wie das Concerto funebre von Karl Amadeus Hartmann schon 1939 das Grauen und die Trauer der folgenden Jahre voraussah: Geigensolistin Patricia Kopatchinskaja schilderte es eindringlich und einschneidend. Den fast protokollarischen, doch keineswegs fühllosen Gegenpart verkörperte Sunnyi Melles in der Ode to Napoleon Buonaparte (1942), in der Arnold Schönberg mittels eines historischen Rückgriffs Bezug auf die aktuelle Situation nahm, während Ernst Krenek sich mit seiner Lamentatio Jeremiae Prophetae (1941) durch scheinbare Zuflucht im Religiösen eine strenge, hermetische, sperrige Resonanz auf die Realität des Krieges schuf. Der Arnold Schoenberg Chor setzte sich über alle Schwierigkeiten von Kreneks Partitur schlackenlos hinweg, das Klangforum Wien meisterte alle instrumentalen Ensemblewerke auf gewohnt konkurrenzlosem Niveau, auch wenn der versierte Dirigent Bas Weigers bei Georg Friedrich Haas' Wer, wenn ich schriee, hörte mich ... im Wechsel zwischen sphärischen Ensembleklängen und hochvirtuosem Schlagzeug-Solo (Lukas Schiske) zuweilen zu viel dramatischen Spannungsabfall zuließ.

Was Staat heißt

Eine ausgefeilte Klang-Mikrologie, auch dank der perfekten Live-Elektronik, legte das Ensemble jedoch in Luigi Nonos Guai ai gelidi mostri nach Massimo Cacciari frei, das dem Projekt seinen Namen gab und in dem sich der ungeheure Satz findet: "Staat heißt das kälteste aller kalten Ungeheuer." Auch Hanns Eisler hätte diese Aussage bestätigen können, dessen Hollywooder Liederbuch aus der Zeit des US-Exils Bariton Matthias Goerne mit Hinterhäuser am Klavier zum gestalterischen Höhepunkt der beiden Tage machte – ebenso wie den Abschied aus Mahlers Lied von der Erde: Hier stand die Zeit atemlos still.

Ein weiteres musikalisches Wunder, indes gänzlich anders, entfesselte Pianist Igor Levit mit Frederic Rzewskis Variationenzyklus The People United Will Never Be Defeated! (1976). Grandios, wie er sämtliche Schwierigkeiten buchstäblich hinwegfegte und das Thema des Liedes El pueblo unido aus den kühnen Metamorphosen herausmeißelte. (Daniel Ender, 7.6.2016)

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