Wie sich die Schule auf die Mathe-Matura vorbereiten kann

Userkommentar14. Juni 2016, 12:42
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Nicht nur Schüler werden geprüft, auch Lehrer und Schulen. Deshalb braucht es Ansagen wie "Wir schaffen das!" und entsprechende Maßnahmen

Wer wird mein Kind einmal auf die Zentralmatura vorbereiten, fragen sich aktuell wohl so manche Eltern. Vor allem, wenn in einigen Schulen die "Nicht genügend" plötzlich Saison haben, taucht natürlich die Frage auf, wer für die Vorbereitung auf die Zentralmatura im Fach Mathematik zuständig beziehungsweise verantwortlich war und zukünftig sein wird. So wie früher – Unterricht und Matura aus einer Hand – wird es ja nicht mehr werden. Stellt sich nur mehr die Frage: Wie gehen wir damit um?

Vorneweg: Nicht mehr die Schüler alleine werden geprüft, sondern auch die Lehrer und mehr oder weniger direkt die Schule. Vor kurzem erzählte ein Schüler, in einer Klasse eines Grazer Gymnasiums hätten 20 von 25 Schülern die Mathematik-Matura "verfleckt". Von einem blöden Zufall kann da wohl nicht mehr die Rede sein. Natürlich fragt man sich, ob das die Handschrift des dort Lehrenden trägt. Was kann also die Schule aus eigener Kraft heraus unternehmen, um eine möglichst optimale Vorbereitung ihrer Schüler sicherzustellen? Was wird den Schülern zu Beginn des Schuljahres gesagt? "Augen zu und durch!" Oder doch, in Anlehnung an Angela Merkel: "Wir schaffen das!"

Konkrete Qualitätsmaßnahmen

So, wie es für Firmen externe Qualitätszertifikate und Testierungen gibt, könnten auch Schulen sich selbst zu einem Maßnahmenpaket verpflichten, das grundlegende, bedarfsorientierte Schritte setzt und damit Verantwortung für die Qualität des Unterrichts übernimmt. Damit sind nicht allerhand herzzerreißende Willensbekundungen für acht Jahre Gymnasialzeit gemeint, sondern konkrete, von allen Lehrenden umzusetzende Schritte. Im Folgenden sechs grundlegende Punkte.

Erstens: Schularbeitendesigns sollen ab der Oberstufe an die Zentralmatura angepasst werden. Also zwei Teile mit echten Grundkompetenzen im ersten und mehrteiligen Anwendungsbeispielen im zweiten Teil. Von Anfang an soll vor allem das Leseverständnis trainiert werden, da viele Schüler nicht an der Mathematik, sondern an der sprachlichen Formulierung der Beispiele scheitern. Und ja, auch der Unterricht möge auf diese Lesen-Verstehen-Entscheiden-Kompetenzen fokussieren, nicht erst die Schularbeit.

Keine kreativen "Ausritte"

Zweitens: an einem Strang ziehen innerhalb des MathematiklehrerInnen-Kollegiums durch gleiche Benotung, gleichen Umgang mit Blockpunkten, keine kreativen "Ausritte" so mancher Einzelkämpfer.

Drittens: gemeinsames Erstellen der Schularbeiten in höheren Klassen unter Bedachtnahme darauf, ob die Lehrer der verschiedenen Klassen den Stoff auch tatsächlich abgedeckt haben. Vor allem Grundkompetenzen – die für eine positive Note erforderlich sind – müssen sich am "gemeinsamen Nenner" orientieren. Es darf nicht eine Klasse strukturell benachteiligt werden, nur weil die Lehrperson sich zu wenig in die Erstellung der Schularbeit eingebracht hat.

Relevante Bifie-Unterlagen zugänglich machen

Viertens: Bereitstellen aller relevanten Bifie-Unterlagen auf Moodle-Plattformen per E-Mail oder auf der guten alten Schulhomepage. Oft findet man nur den klassischen Verweis auf die 637 Seiten lange Bifie-Gesamtdatei, in der sich keiner auskennt und die das Suchen konkreter Beispiele oder Kompetenzen erheblich erschwert.

Damit gemeint sind alle bisherigen Maturen (Haupt- und Nebentermine), alle Kompetenzchecks und der direkte Link zur Suchmaske des Aufgabenpools. Eigentlich sollten diese Unterlagen bereits zu Beginn der Oberstufe kommuniziert werden, da die Grundkompetenzen einer Matura ja dieselben sind wie die einer Schularbeit der fünften Klasse.

Grundkompetenzen üben

Fünftens: sinnvolles Nützen der Vorbereitungszeit mit Hauptaugenmerk auf die Grundkompetenzen. Die typischen drei wöchentlichen Mathematikstunden vergehen sehr schnell. An welchen Schülern soll sich der Lehrer orientieren? An den wenigen, die schon alles können, oder an denen, für die die Kompetenzen eine Herausforderung in puncto Verständnis und Entscheidungsfähigkeit darstellen. Damit beantwortet sich auch die Frage nach der Sinnhaftigkeit von großen, mehrteiligen Typ-2-Beispielen, die eine ganze Schulstunde beanspruchen. Natürlich gehören die auch geübt, aber am besten in Verbindung mit den dazu passenden Grundkompetenzen des ersten Teils.

Sechstens: Lehrertausch im Förderunterricht. Die Frau Professor beantwortet die Fragen der 8b von Herrn Oberstudienrat und umgekehrt er die der 8a. Das kostet nichts und nimmt die Emotion aus der Sache. Vor allem schlechte Schüler haben damit die Chance auf einen vorurteilsfreien Umgang mit ihren Problemen.

Gemeinsame Strategie

Klar ist, persönliche Willensbekundungen alleine sind zwar nett, aber gewährleisten keinen nachhaltigen Umgang mit den Herausforderungen der Zentralmatura. Das Mathematik-Kollegium muss mehr sein als die Summe der einzelnen Lehrer. Eine gemeinsame Strategie gehört nach innen und nach außen kommuniziert: Die Eltern wollen vielleicht wissen, ob sich die zukünftige Schule ihrer Wahl auch tatsächlich um den zentralen Abschluss nach acht Jahren kümmert und dementsprechend Maßnahmen umsetzt und nicht nur stundenweise Lehrpersonal abstellt.

Man kann davon ausgehen, dass wir im Mai 2017 ähnliche Diskussionen haben werden und dass vor allem wieder das Bifie schuld sein wird. Also sollten sich alle Beteiligten – Schulen, Schüler und Nachhilfelehrer – überlegen, welchen aktiven Beitrag sie leisten können, damit einer positiven Absolvierung der Zentralmatura im Fach Mathematik nichts im Wege steht. (Rainer Saurugg-Radl, 14.6.2016)

  • Zweierlei Arten von Unterricht: nach dem Motto "Augen zu und durch!" oder, in Anlehnung an Angela Merkel, "Wir schaffen das!".
    foto: ap/joerg sarbach

    Zweierlei Arten von Unterricht: nach dem Motto "Augen zu und durch!" oder, in Anlehnung an Angela Merkel, "Wir schaffen das!".

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