Wie Statine Krebszellen killen

6. Juni 2016, 11:50
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Der Immunbotenstoff Interleukin-6 spielt bei der Abwehr von Melanomzellen eine wichtige Rolle – Wiener Forscher entdecken einen Zusammenhang mit Cholesterinsenkern

Weltweit in der Therapie überhöhter Blutfettwerte eingesetzte Statine können das Wachstum metastasierender Melanomzellen einschränken – wenn der zelluläre Immunbotenstoff Interleukin-6 (IL-6) vorhanden ist. Die Beobachtung dieses Zusammenhangs gelang Wiener Wissenschaftern in einem Projekt des Wissenschaftsfonds FWF und wurde vor kurzem in "Melanoma Research" veröffentlicht.

In Labortests lösen Statine (Cholesterinsenker) in Melanomzellen ein Selbstmordprogramm aus. Warum dies aber zu keiner klinisch nachweisbaren Reduktion der Melanomhäufigkeit am Menschen führt – sehr viele nehmen weltweit diese Medikamente regelmäßig ein – ist bisher nicht bekannt. Dem Team um Martin Hohenegger vom Institut für Pharmakologie und Christoph Minichsdorfer vom Comprehensive Cancer Center (CCC) der MedUni Wien und des AKH gelang es zu zeigen, dass der Botenstoff IL-6 eine notwendige Voraussetzung für das Auslösen des Selbstmordprogramms durch Statine ist.

Interessante Beobachtung

Ausgangspunkt für die Arbeiten von Hohenegger war die Überlegung, ob zwei bei Melanomzellen beobachtete Phänomene vielleicht in einem Zusammenhang stehen. Dazu wurde der Wissenschafter in einer Aussendung zitiert: "Vergleiche verschiedener Studien zeigten, dass Melanomzellen sehr unterschiedliche Empfindlichkeiten für das Auslösen des Selbstmordprogramms durch Statine besitzen. Warum dies so ist, war nicht bekannt. Weiters wusste man schon, dass der zelluläre Botenstoff IL-6 das Wachstum frühphasiger Melanomzellen hemmt – nicht aber das Wachstum weiterentwickelter Melanomzellen. Wir fragten uns also, ob zwischen diesen scheinbar unabhängigen Phänomenen eventuell ein Zusammenhang bestehen könnte."

Die Wissenschafter analysierten, inwieweit die unterschiedliche Empfindlichkeit für das Auslösen eines zellulären Selbstmordprogramms durch Statine mit der Wirkung von IL-6 zusammenhängen könnten. "Wir konnten zeigen, dass das Statin Simvastatin in frühphasigen Melanomzellen zunächst kein zelluläres Selbstmordprogramm auslöste, erst wenn wir zusätzlich IL-6 anbieten, aktiviert Simvastatin dieses Programm. Ein guter Hinweis darauf, dass Statine zur Auslösung dieses Anti-Tumoreffekts auf den Botenstoff IL-6 angewiesen sind."

Neue Hinweise

Weitere Hinweise für diesen Zusammenhang sammelte die Gruppe dann mit einem Antikörper-Experiment. Dabei machte sie sich zunutze, dass der in der Gelenksrheuma-Therapie verwendete monoklonale Antikörper Tocilizumab an zelluläre Rezeptoren für IL-6 bindet und so die entzündliche Wirkung des Botenstoffs unterbindet.

"Wir konnten zeigen, dass in metastasierenden Melanomzellen die Anti-Tumorwirkung von Simvastatin durch die gleichzeitige Blockierung der IL-6-Rezeptoren durch den Antikörper Tocilizumab aufgehoben wurde. Ein weiterer Hinweis, dass die hemmende Wirkung der Statine auf das Tumorwachstum nur im Zusammenhang mit jener von IL-6 effizient funktioniert."

Auch bei anderen Krebserkrankungen könnte dieser Mechanismus funktionieren. Seit vielen Jahren wird beobachtet, dass Patienten, welche Statine einnehmen, seltener an Krebs erkranken. (APA, 7.6.2016)

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