Den Katzen das Jagen nicht zu leicht machen

Video8. Juni 2016, 13:40
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Im Frühjahr erbeuten Katzen wieder viele Jungtiere, die größte Bedrohung für Wildtierarten bleibt aber der Mensch

Graz/Wien – Enzo hat Blut geleckt. Nacht für Nacht streift der einjährige Kater durch den Garten oder durch den nahegelegenen Wald. Es ist die erste Jagdsaison für den unbedarften, aber instinktsicheren Vierbeiner. Gegen Mitternacht hört man plötzlich ein lautes, helles Fiepen. Stille. Noch ein Fiepen. Enzo hat eine junge Amsel erwischt, er drückt sie mit beiden Vorderpfoten zu Boden, schiebt sie herum wie ein Spielzeug. Ohne menschlichen Eingriff wäre es schnell geschehen um das Jungtier.

Einige dieser überlebenden "Katzenopfer" landen bei Monika Großmann. Sie betreibt die Wildtierauffangstation "Kleine Wildtiere in großer Not" in Graz, wo derzeit etwa 500 Tiere – vom Rehkitz über Eichhörnchen bis zu allerlei Vogelarten – betreut werden. Überall zwitschert und piept es. Neue Käfige werden gebaut, um Platz für weitere Tiere zu schaffen. "Im Mai und Juni ist die Babyzeit in der Tierwelt", sagt Großmann, "dann ist für uns Hauptsaison."

Etwa ein Drittel aller Vögel in der Auffangstation seien von Katzen verletzt worden, schätzt sie. Zusätzlich erbeuten Hauskatzen häufig Entenküken, junge Eichhörnchen oder Feldhasen. "Die Leute sind sehr berührt, wenn ihre Katze einen kleinen Vogel heimbringt, dann kommt das schlechte Gewissen", sagt Großmann. Tiere, die noch am Leben sind, kann man in die Auffangstation bringen, wo sie aufgepäppelt und wieder in die Freiheit entlassen werden.

foto: apa/patrick pleul
Ein Experte hält es für unrealistisch, dass in Deutschland jedes Jahr 200 Millionen Vögel von Katzen erbeutet werden.

Ungenaue, aber oft zitierte US-Studie

Eine US-Studie sorgte 2013 für Aufsehen: Dieser zufolge werden pro Jahr zwischen 1,4 und 3,7 Milliarden Vögel und zwischen 6,9 und 20,7 Milliarden kleine Säugetiere von Katzen in den USA getötet werden. Auch für Deutschland gibt es bereits Schätzungen: Jährlich 200 Millionen Vögel von Katzen erbeutet werden. Der deutsche Biologe und Ornithologe Lars Lachmann, der Artenschutzreferent des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu) ist, hält diese Zahlen für zu hoch. Nach der Brutzeit gibt es etwa 400 Millionen Vögel in Deutschland. Demnach müsste jeder zweite Vogel von den Haustieren getötet werden.

"Eine realistischere Schätzung liegt bei vier bis acht Vögeln pro Katze", sagt Lachmann. Die Jäger sind dabei wesentlich öfter verwilderte Katzen. Bei etwa 9,5 Millionen deutschen Katzen – davon 1,5 Millionen verwilderte und acht Millionen Katzen mit Besitzer – ergibt das eine Beutezahl von 38 bis 76 Millionen pro Jahr. Damit ist dies jedoch gemeinsam mit dem Vogelschlag an Glas die zahlenmäßig bedeutendste direkt menschgemachte Todesursache von Vögeln, sagt der Ornithologe. "Geht man dazu davon aus, dass Katzen meistens im Siedlungsbereich jagen, müsste nach diesen Zahlen dort jeder Vogel von Katzen gefressen werden", erklärt er.

Es sei außerdem müßig, die absoluten Zahlen zu diskutieren, denn man kann von einer Anzahl getöteter Tiere nicht direkt auf eine Bestandsgefährdung einer oder mehrerer Arten schließen. Um in dieser Frage ein wissenschaftlich belastbares Ergebnis zu erhalten, müsste man ein Populationsmodell entwickeln, das Vogelbestandszahlen, Reproduktionsraten und andere Todesursachen mit einschließt, sagt Lachmann: "Das ist bei der US-Studie nicht geschehen."

foto: apa/ruth seitz
Es der Katze nicht zu einfach machen: Vogelhäuser sollten außer Reichweite montiert werden.

Mensch größte Bedrohung für Artenvielfalt

Lokal kann man zwar sicherlich davon ausgehen, dass Vogelbestände ohne Katzen deutlich höher wären. Ein völliges Aussterben von Vogelarten in Zentraleuropa durch Katzen ist aber – anders als zum Beispiel auf Inseln wie Neuseeland – nicht zu befürchten. Denn Katzen bleiben in Deutschland oder Österreich im Wesentlichen auf den menschlichen Siedlungsraum beschränkt, betont der Wissenschafter.

Vogelbestände nehmen laut Lachmann vor allem in der Agrarlandschaft und im Wald ab. "Diese Rückgänge den Katzen anlasten zu wollen, wäre viel zu einfach. Die größte Bedrohung für die Artenvielfalt ist und bleibt die fortschreitende Verschlechterung von Lebensräumen durch den Menschen", so der Experte.

Kastration und sichere Vogelhäuser

Trotzdem müssten mehr Anstrengungen unternommen werden, um die Zahl freilaufender Katzen zu verringern. Hausarrest für Hauskatzen ist jedoch nicht artgerecht, sagt auch Monika Großmann. Ein wichtiger Schritt ist die Kastration aller freigehenden Hauskatzen, um die Zahl verwilderter Tiere zu reduzieren.

Großmann empfiehlt Katzenbesitzern auf dem Land, jetzt im Frühjahr zu beobachten, wo Vögel nisten und wann Jungvögel flügge werden, und es ihren Katzen nicht zu leicht zu machen: "Viele Leute stellen die Vogelfutterhäuschen einfach in ihren Garten oder hängen die Nistkästen über ihre Terrasse, wo die Katze bequem lauern kann und leichte Beute hat." Besser sei es, die Nistkästen oben anzubringen, wo unterhalb Bäume und Gebüsch den Jungvögeln Schutz bieten. (Michael Luger, Julia Schilly, Video: Sarah Brugner, 8.6.2016)

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