"Brutalismus": Das Webdesign der 1990er kehrt zurück

6. Juni 2016, 19:29
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Beepworld-Look als Gegenbewegung zu perfekt aussehenden Internetauftritten

Beepworld, Geocities, Fortune City und Co.: Ende der 1990er-Jahre prägten Anbieter von Gratis-Webspace und einfachen Tools zum Bau eins eigenen Onlineauftritts das Internet. Das "Web 2.0" mit seinen Blogs und sozialen Netzwerken war noch nicht geboren und so tobten sich viele Leute, die etwas mit dem Rest der Welt teilen wollten, mit wenigen Megabytes an Speicherplatz aus.

Der Look des "Internets von gestern" ist einzigartig. Menüs als einfache Linkanhäufung, einfarbige Hintergründe oder Muster. Wild zusammengewürfelte Grafiken. Ein herber Kontrast zu den oft schnörkellos optimierten Seiten von heute. Moderne Content Management-Systeme, wie etwa Wordpress, machen die Erstellung einer professionell wirkenden Seite zu einer Angelegenheit weniger Klicks.

foto: brutalistwebsites.com

Brutalismus vs. Perfektion

Doch es gibt eine kleine Gegenbewegung, die dem Webdesign-Perfektionismus entgegentritt. Die "Brutalisten" des Internets haben dabei verschiedene Motive für die Art und Weise, in der sie ihre Seiten bauen. Mittlerweile berichten selbst die Washington Post und der Spiegel über die Kultur der "absichtlich hässlichen" Seiten.

Handgeschriebenes HTML, archaische Navigation statt übersichtlicher Menüs. Das digitale Spiegelbild des architektonischen Brutalismus. Darunter versteht man eine Gebäude-Gestaltung, bei der die Betonkonstruktion auch nach Außen hin zum bestimmenden Merkmal wird. Die hauptsächlich in den 70er-Jahren errichteten Bauten, wie etwa der Londoner Balfron Tower oder das Gebäude des Stadtgerichts von Buffalo, stechen entsprechend hervor.

Beliebtes Verzeichnis

Auf Brutalistwebsites.com gibt es mittlerweile ein Verzeichnis, in dem brutalistische Seiten gesammelt werden. Für diese gibt es abseits des Aussehens eine Vorgabe: Der jeweilige Auftritt muss absichtlich so gestaltet sein, Unfälle aufgrund mangelnder Webdesign-Skills zählen nicht, erläutert Betreiber Pascal Deville, der bei einer Schweizer Agentur tätig ist.

Neben einer Reihe kleinerer Seiten finden sich dort auch bekanntere Auftritte, wie beispielsweise Adult Swim. Die Nachfrage nach dem Index des Web-Brutalismus ist sprunghaft angestiegen, seit auf "Hacker News" darüber berichtet wurde.

foto: brutalistwebsites.com

Unterschiedliche Motive

Deville hat einige der Webdesigner auch nach ihren Motiven befragt. Die wenigsten geben dabei an, absichtlich den Look der Neunzigerjahre zu klonen, sondern verstehen ihre oft auf Handarbeit beruhenden Werke schlicht als Kunst oder gewollten Kontrast zu den perfekten Seiten von heute.

Dementsprechend ist es schwierig, den Web-Brutalismus genauer zu definieren, der wichtigste gemeinsame Nenner bleibt die Ästhetik. Archaisches Aussehen und kommerzieller Erfolg müssen sich dabei nicht ausschließen, meint Deville und verweist auf eine vorwiegend in den USA populäre Kleinanzeigen-Website: "Sehen sie sich doch einmal Craigslist an." (gpi, 06.06.2016)

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