Brexit, Fußball und Identitäten

Interview6. Juni 2016, 16:34
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Das EM-Abschneiden der britischen Teams könnte einen Einfluss auf die EU-Austrittsabstimmung haben, sagt Mark Perryman. Der Sportsoziologe über Zynismus und Großbritanniens Identität

STANDARD: Alle Welt redet vom Brexit. Sie aber sagen: Die Briten wollen in Europa bleiben.

Perryman: Die EU-Debatte ist doch eine Sache der Eliten. Wir sind ein fußballbegeistertes Land. Da zählt im Juni in Bezug auf Europa nur eines: die EM in Frankreich.

STANDARD: Am 11. Juni erklingt erstmals "God Save the Queen".

Perryman: Und am 12. Juni wieder: Zuerst spielt England, dann Nordirland. Da können Sie unsere komplizierte Identität studieren. Bis in die 1980er-Jahre wurde auch vor Spielen von Wales und Schottland die britische Hymne gespielt. Inzwischen singen sie lieber Land unserer Väterbeziehungsweise "Die Blume Schottlands".

STANDARD: Wobei Schottland diesmal nicht mitmachen darf.

Perryman: Das ist der Bonus dieses Turniers. Im Ernst, als Engländer drücke ich allen anderen die Daumen, den Walisern, den Nordiren, auch den Südiren. Nur mit Schottland ist die Rivalität zu groß.

STANDARD: Wie weit kommt England diesmal?

Perryman: Ich traue England zu, die Gruppe als Erster abzuschließen. Dann bekommen wir es in der Vorschlussrunde wohl mit einem Team aus Osteuropa zu tun. Die können wir schlagen. Im Viertelfinale wahrscheinlich Portugal, die sind auch nicht mehr so stark wie früher. Im Halbfinale käme das Aus gegen Gastgeber Frankreich.

STANDARD: Sie haben das ja schon sehr genau geplant.

Perryman: Man macht sich so seine Gedanken. Wir haben ein gutes Team, allerdings herrscht ziemlicher Zynismus. Aber warten Sie ab: Wenn die Burschen anfangen zu gewinnen, herrscht auch daheim tolle Stimmung – bei den mitreisenden Fans sowieso.

STANDARD: Die werden erst einmal mit den erheblichen Sicherheitsmaßnahmen zu kämpfen haben.

Perryman: Ja, das ist auch meine Sorge. Ich verstehe die Sorge der Franzosen total. Aber man muss hoffen, dass es nicht allzu schlimm wird. Sonst hätten die Terroristen gewonnen, schließlich wollen sie uns die Freude an der Begegnung mit anderen Nationen verderben. Ich war bei Gesprächen zwischen Fans und der Polizei dabei. Da hieß es: Jeder Einzelne wird abgetastet. Ich kann nur sagen: Euer Optimismus in allen Ehren, aber wenn da hunderttausende britische Fans zusammenkommen ...

STANDARD: ... beispielsweise beim Spiel England gegen Wales in Lens ...

Perryman: ... dann wird sich die Vorgabe nicht durchhalten lassen. Bei der WM 2006 kam zum Viertelfinale in Gelsenkirchen eine Viertelmillion in die Stadt. Und das waren nur Engländer!

STANDARD: Das Turnier signalisierte einen Sinneswandel im Verhältnis Englands zu Deutschland. Kann der Fußball die Briten mit der EU versöhnen?

Perryman: Für mich bedeutet Europa in erster Linie Fußball – außerdem Kino, Urlaub, gutes Essen. Wir reden immer nur von den Institutionen, aber die Alltagskultur ist ganz anders. Für mindestens zwei Generationen seit Ende des Zweiten Weltkriegs ist der englische Kanal beinahe irrelevant geworden. Übrigens können wir die Uefa auch nicht leiden, treten aber nicht aus. Ich finde das Oberhaus blödsinnig. Das ist doch kein Grund, das Land zu verlassen.

STANDARD: Die Frage stellt sich nicht, aber das Referendum ist Realität.

Perryman: Es wird ja lustig werden, wenn die EU-feindlichen Zeitungen vorn für den Brexit trommeln und auf den Sportseiten unseren Verbleib in Europa beschwören.

STANDARD: Sollten ein, zwei oder gar drei britische Teams von den perfiden Europäern vorzeitig heimgeschickt werden – kommt dann der Brexit aus Enttäuschung?

Perryman: Ich will mir das gar nicht vorstellen. Aber der Zusammenhang besteht durchaus. Bedenken Sie: 1970 hat Labour-Premier Harold Wilson die Neuwahl extra verschoben, um von guter Stimmung rund ums englische Team bei der WM in Mexiko zu profitieren. Wir flogen im Viertelfinale raus ...

STANDARD: ... ausgerechnet gegen Beckenbauer, Seeler und Co ...

Perryman: ... und drei Tage später musste Wilson aus der Downing Street ausziehen. (Sebastian Borger, 6.6.2016)

Mark Perryman (56) ist Sportsoziologe und Gründer des Versandlabels Philosophy Football und unterrichtet an der Universität Brighton. Zuletzt hat er die Aufsatzsammlung "1966 and not all that" über das legendäre WM-Finale in Wembley zwischen England und Westdeutschland herausgegeben.

  • Englands Fußballer singen vor ihren Spielen die britische Hymne "God Save the Queen" – die Nordiren übrigens auch.
    foto: reuters/recine

    Englands Fußballer singen vor ihren Spielen die britische Hymne "God Save the Queen" – die Nordiren übrigens auch.

  • Perryman glaubt, dass es England ins Halbfinale schafft.
    foto: privat

    Perryman glaubt, dass es England ins Halbfinale schafft.

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