Mehr Kinder mit Diabetes: Schulen nicht vorbereitet

6. Juni 2016, 05:59
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Die Zahl der Kinder mit Diabetes steigt, der Umgang mit ihnen ist in Schulen aber nur provisorisch geregelt

Wien – Das Problem wächst in zweifacher Hinsicht: Die Anwesenheitsdauer in Schulen nimmt mit der Zahl der Ganztagsschulen zu, zugleich gibt es immer mehr chronisch kranke Kinder – etwa mit Diabetes. Rund 1.500 unter 15-Jährige sind von Diabetes Typ eins betroffen und müssen sich Insulin verabreichen (Typ zwei, das oft bei älteren Menschen auftritt, betrifft deutlich weniger Kinder). Jährlich steigen die Zahlen laut Birgit Rami-Mehar vom Pädiatrie-Department der Med-Uni Wien um 2,5 bis sechs Prozent. Trotzdem ist die Versorgung in Schulen ein Provisorium.

"Es gibt eine Lücke im System", sagt Iraides Franz, Sprecherin des Fonds Soziales Wien (FSW). Die Stadt Wien finanziert über den FSW einen Teil der Kosten für mobile Kinderhauskrankenpflege, die junge Patienten mit besonderem Pflegeaufwand auch in Schulen versorgen und sie samt Umfeld nach der Diagnosestellung schult. Man finde mit dem Stadtschulrat "zwar immer eine Lösung", aber: "Hauskrankenpflege wäre, wie das Wort sagt, für zu Hause vorgesehen", sagt Franz.

Pflege für zu Hause in Schulen

Derzeit kommt laut FSW für rund 45 Schulkinder mit chronischen Erkrankungen Hauskrankenpersonal in Wiener Schulen – wie mit Diabetes in Schulen umgegangen wird, ist von Bundesland zu Bundesland verschieden. In einigen Fällen braucht es die pflegerische Hilfe nur für wenige Wochen zur Einschulung. Pro Stunde zahlen Eltern – so sie Pflegegeld erhalten – in Wien 7,88 Euro Selbstbehalt.

Die Nachfrage steigt, sagt Gabriele Hintermayer vom Verein Moki Wien (Mobile Kinderkrankenpflege). In rund 40 Wiener Kindergärten und Schulen hat Moki bis inklusive April 2016 Schulungen hinsichtlich Kindern mit Diabetes durchgeführt. Oft übernehmen aber auch Eltern in der Schule Tag für Tag die medizinische Betreuung ihres Kindes.

Freiwilligkeit bei Lehrern

Viele Schüler mit Diabetes kommen bald ohne pflegerische Hilfe zurecht, wenn sie dann noch bei manchem Handgriff Unterstützung brauchten, hängt viel vom jeweiligen Pädagogen ab. Kinder mit chronischen Erkrankungen seien Lehrern "ein großes Anliegen", sagt Paul Kimberger von der Gewerkschaft der Pflichtschullehrer. "Allerdings begeben wir uns in einen rechtlichen Graubereich", wenn es, außer bei Erster Hilfe, um medizinische Handgriffe gehe. "Zwingen kann man dazu niemanden", sagt er.

"Krankheit managen"

Lilly Damm, Child-Public-Health-Expertin der Med-Uni Wien, befragte im Zuge einer Studie Kinder mit Diabetes und ihre Eltern zu Problemen im Schulalltag und fand heraus, dass vor allem organisatorische Fragen eine große Rolle spielen, weniger medizinische. "Kinder mit Diabetes brauchen die Pausen, um ihre Krankheit zu managen", nennt Damm als Beispiel.

Oder: Streicht eine Lehrerin der Klasse die angekündigte Geburtstagsjause kurzfristig, das diabeteskranke Kind hat aber bereits Insulin gespritzt, stehe es vor einem Dilemma. Manche Kinder würden aber nicht ernst genommen, kritisiert Damm. Lehrer könnten einem Kind mit vielem helfen, das kein medizinischer Handgriff ist: Etwa ihnen mit der Überprüfung der Angaben der Insulinpumpe. Sie könnten auch von den Eltern erfragen, woran man merkt, dass es dem Sohn oder der Tochter nicht gutgeht.

Laut Gewerkschafter Einzelfälle

Man könne nicht ausschließen, dass unter den 126.000 Lehrern österreichweit der eine oder andere mit dem Thema nicht sensibel umgehe, sagt Lehrergewerkschafter Kimberger. Er gehe aber von Einzelfällen aus. Auf der anderen Seite komme auch vor, dass manche Eltern nicht offen mit der Erkrankung ihres Kindes umgingen, sagt Kimberger – Lehrer seien aber darauf angewiesen.

Um Wissenslücken zu schließen, machten sich in der Steiermark Selbsthilfeorganisationen wie Diabär und der Österreichische Diabetes Verband für Aufklärungsgespräche mit Pädagogen, Mitschülern, Betreuern stark, "um allen die Angst im Umgang mit diabetischen Kindern zu nehmen", wie Harald Führer von Diabär erzählt, der auch Vernetzungstreffen veranstaltet. An Schulen wurden Rundschreiben verschickt, und es wurden Broschüren mit Kontaktadressen aufgelegt.

"Vom guten Willen" abhängig

Bei der in Wien ansässigen Selbsthilfegruppe Lobby4kids docken laut Obfrau Irene Promussas "laufend" Mütter und Väter von Kindern mit Diabetes an, die bei der Schulplatzsuche auf Probleme stoßen. "Da hängt so viel vom guten Willen der Lehrer ab", sagt Promussas. Oft werde chronisch kranken Kindern zudem die Teilnahme an außerschulischen Aktivitäten verweigert – "das ist diskriminierend", sagt Promussas. Im Wiener Stadtschulrat werde aber geholfen, wenn es bei betroffenen Kindern bei der Suche nach einem geeigneten Schulplatz hapert.

"Wir finden in der Regel für jedes Kind einen Schulplatz", bekräftigt der Wiener Bezirksschulinspektor Rupert Corazza. Es könne aber nicht immer der Wunschplatz sein. Eltern müssten bei der Schulaufnahme auf besondere Bedürfnisse ihrer Kinder hinweisen, täten das "aber nicht immer", sagt Corazza. Wenn doch, könne im Zuge der Aufnahme ein Round Table mit Direktor, Lehrern, Eltern und Schularzt stattfinden, bei dem nötige Maßnahmen besprochen werden. Laut Damm von der Med-Uni Wien sind solche Round Tables "leider noch bei weitem nicht die Regel". Zudem wäre aus ihrer Sicht wichtig, dass auch jene an solchen Gesprächen teilnehmen, um die es geht: die Kinder. (Gudrun Springer, 6.6.2016)

  • Szene eines Erste-Hilfe-Kurses in der Volksschule. Wie Lehrer reagieren müssen, wenn ein Notfall eintritt, ist klar geregelt. Bei medizinischen Handgriffen oder kontrollierender Hilfe ist es anders.
    foto: apa/helmut fohringer

    Szene eines Erste-Hilfe-Kurses in der Volksschule. Wie Lehrer reagieren müssen, wenn ein Notfall eintritt, ist klar geregelt. Bei medizinischen Handgriffen oder kontrollierender Hilfe ist es anders.

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