Lehrling sucht Lehrherrn und Sicherheit

6. Juni 2016, 09:47
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Immer weniger Betriebe bilden Lehrlinge aus. Teile der Ausbildung können ausgelagert werden, was Kleinunternehmen hilft

Wien – Die jüngsten Arbeitsmarktdaten zeigen einen kleinen Lichtblick: Die Zahl der offenen Lehrstellen stieg im Vergleich zum Vormonat um 9,2 Prozent auf 3222. Allerdings waren gleichzeitig 4967 Personen auf Suche. Die Lehrstellenlücke lag bei 1745. Im langfristigen Trend bilden immer weniger Betriebe Lehrlinge aus. Laut der aktuellen Statistik der Wirtschaftskammer Österreich ist die Zahl zwischen 2005 und 2015 um 21 Prozent zurückgegangen. In Wien waren es sogar 23 Prozent. Bundesweit ist die Zahl im Vorjahr um 4,4 Prozent auf 109.963 gesunken. Die Lücke werde immer größer, warnt der Berufsausbilder Jugend am Werk.

7000 Jugendliche ohne Lehrstelle

Allein in Wien hatten im ersten Quartal rund 7000 Jugendliche keine Lehrstelle. Warum das so ist? "Die Lehrlingsausbildung wurde in den letzten Jahren immer komplexer und stellt Betriebe vor viele Herausforderungen", sagt Brigitte Gottschall, Vizegeschäftsführerin von Jugend am Werk. "Außerdem steigen aufgrund des Strukturwandels auch die Leistungsansprüche in den Berufen." Besonders kleinen und mittleren Firmen fehlen oft das Know-how und spezielle Maschinen, um ihre Lehrlinge entsprechend auszubilden, sagt Gottschall. Bei Jugend am Werk will man dem Trend entgegenwirken: Bestimmte Ausbildungsteile können zu Jugend am Werk ausgelagert und von der Wirtschaftskammer mit maximal 20.000 Euro pro Kalenderjahr und Lehrbetrieb gefördert werden. Auch Vorbereitungskurse auf die Lehrabschlussprüfung werden unterstützt. Damit sollen auch Betriebe, die nicht über die notwendigen Ressourcen verfügen, Lehrlinge aufnehmen können. So könnte etwa ein Betrieb, der Dreher ausbildet, aber keine CNC-Maschine im Haus hat, seine Auszubildenden in einem der sechs Standorte bei Jugend am Werk qualifizieren. Oder ein Hotelier seinem Lehrling eine Weiterbildung in Sachen Pâtisserie angedeihen lassen.

Steigender Leistungsdruck

Am gefragtesten seien derzeit Module im Metall- und Holzbereich, so Gottschall. Dass den Betrieben angesichts der viel beklagten Schwächen der Jugend das Ausbilden zu anstrengend ist, glaubt sie nicht: "Ja, es gibt Schwächen. Vor allem fehlende Deutschkenntnisse sind ein Problem." Tatsächlich würden eher durch den steigenden Leistungsdruck die Toleranzmöglichkeiten in den Betrieben schwieriger: "Wer nicht zu 100 Prozent funktioniert, hat es immer schwerer." Im Juni wird mit einer Informationsoffensive gestartet, um Betriebe zu motivieren.

Motivation für Lehrlinge

Doch nicht nur die Betriebe brauchen Motivation, erläutert Jugendforscher Philipp Ikrath und bringt mit der Entwertung von Bildungsabschlüssen den gesellschaftspolitischen Aspekt ins Spiel. "Dass man Karriere mit Lehre machen kann, glaubt doch niemand. Hier werden sehr widersprüchliche Botschaften ausgesandt." Ikrath hat sich in einer Studie angesehen, wie Lehrlinge ticken. Sicherheitsorientierter seien sie, als die berühmte Selbstverwirklicher-Generation Y und nicht mehr so loyal wie ihre Eltern. Wobei die Unterschiede zwischen den Branchen erheblich sind: Lehrlinge in der Industrie sind optimistischer, zufriedener und bekommen mehr Anerkennung im Betrieb als jene im Handel. Lehrlinge im Tourismus legen weniger wert auf feste Arbeitszeiten und wollen eher seltener Kinder kriegen.

Sich vor Augen zu führen, dass die Jungen in Industriebetrieben anders ticken als im Gewerbe, würde schon beim Bewerbungsgespräch, aber auch bei Motivation und Führung helfen, ist Ikrath überzeugt. (Regina Bruckner, 6.6.2016)

  • Lehrlinge auszubilden macht auch viel Arbeit. Viele Unternehmen scheuen diese.
    jäger bau, hilti

    Lehrlinge auszubilden macht auch viel Arbeit. Viele Unternehmen scheuen diese.

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