Kreta könnte neuer Brennpunkt werden

6. Juni 2016, 07:00
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Jüngstes Schiffsunglück mit Flüchtlingen verlief offenbar glimpflicher als befürchtet

Im Hafen von Augusta auf Sizilien ist Sonntagabend ein Schiff mit Überlebenden der jüngsten Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer erwartet worden. 221 Migranten erreichten damit ihr Ziel Italien, nachdem sie drei Tage zuvor, am Donnerstag vergangener Woche, vor Kreta in Seenot geraten waren. 97 weitere Flüchtlinge wurden nach Angaben der griechischen Küstenwache zurück nach Ägypten gebracht. Von dort hatten sie offenbar ihre waghalsige Reise in einem 25 Meter langen Fischkutter begonnen.

Zunächst war von 500 bis 700 Passagieren die Rede, die von Schleppern auf das seeuntüchtige Schiff gesetzt worden seien. Aussagen der Überlebenden zufolge waren aber etwa 350 Flüchtlinge an Bord gewesen, gab die griechische Küstenwache am vergangenen Wochenende an. Neun Leichen wurden bisher im Meer geborgen. Auf dem havarierten Fischkutter suchten die griechische und die ägyptische Marine aber weiter nach Hinweisen, um den Fall zu rekonstruieren.

IOM schlug Alarm

Die Internationale Organisation für Migration (IOM) in Genf hatte zuvor Alarm geschlagen, weil sie eine weitere Tragödie mit Hunderten von Ertrunkenen im Mittelmeer befürchtete. Denn die Zahl der Überfahrten großer Flüchtlingsgruppen von der nordafrikanischen Küste in Richtung Italien ist in den vergangenen Wochen wieder sprunghaft angestiegen. 2443 Menschen kamen laut IOM von Jahresbeginn bis 31. Mai im Mittelmeer um; bis zu 900 allein in der letzten Maiwoche, als Schiffe auf halbem Weg von der libyschen Küste nach Sizilien untergingen.

Die Verlagerung der Flüchtlingsströme zum östlichen und zentralen Mittelmeer erklärt sich aktuell durch die vergleichsweise ruhige See, aber auch durch die abschreckende Wirkung der Patrouillen in der Ostägäis und der Internierung von Flüchtlingen auf den griechischen Inseln gemäß dem Abkommen zwischen der EU und der Türkei. Kreta könnte dabei zu einem neuen Brennpunkt werden, wie IOM-Sprecher Joel Millmann warnte.

Ausweichroute

Griechenlands größte Insel wird offenbar auch zur Ausweichroute für Migranten, die von der türkischen Küste bisher schnell nach Lesbos oder Chios übersetzen konnten. Das jüngste Schiffsunglück vor Kreta – 140 Kilometer vor der Insel noch in ägyptischen Gewässern – ist der dritte Fall innerhalb weniger Tage in diesem Gebiet. Am 27. Mai rettete die griechische Küstenwache bereits 65 Flüchtlinge vor Kreta. Am 31. Mai landeten 113 mehrheitlich afghanische Migranten an einem Strand bei dem Urlauberstädtchen Agios Nikolaos. (Markus Bernath, 5.6.2016)

  • 2443 Flüchtlinge sind von Jahresbeginn bis Ende Mai im Mittelmeer ertrunken. Die Schlepperboote sind oft überladen und seeuntüchtig.
    foto: apa/afp/gabriel bouys

    2443 Flüchtlinge sind von Jahresbeginn bis Ende Mai im Mittelmeer ertrunken. Die Schlepperboote sind oft überladen und seeuntüchtig.

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