"Iwanow": Ein Zauderer flieht den Tschechow-Staub

5. Juni 2016, 17:00
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Aus Anton Tschechows frühem "Iwanow" macht Regisseur Martin Kušej in München eine ebenso faszinierende wie beunruhigende Studie über das vollständige Erlöschen menschlicher Antriebe. Ein Drahtseilakt mit famosen Darstellern

Ein hohes, weißes Zimmer steht schräg und abweisend auf der Bühne des Münchner Residenztheaters. Sein Mobiliar besteht aus nichts als 22 wackeligen Stühlen. Auf deren Plüsch liegt zentimeterdick der Staub (Bühne: Annette Murschetz). Weißes, wertloses Pulver, zu dem die Sonne die russische Erde während endloser Sommer kleingemahlen hat.

Auf irgendeinem der Sessel sitzt, die Haare raufend, endlos lamentierend, unter Garantie immer Iwanow (Thomas Loibl). Er ist der mit Abstand untröstlichste aller Tschechow-Helden. Einer, der mit seiner Antriebsschwäche, seinem beredten Selbstmitleid selbst wohlmeinende Mitmenschen todsicher erst um die gute Laune, dann um den Verstand bringt.

In München hat Iwanow den denkbar finstersten Aufseher zum Seelenfreund. Regisseur Martin Kušej dreht die ohnehin kleinen Lebenslichter der Tschechow-Menschen noch einmal auf niedrigere Betriebsstärke herunter. Ein düsteres Vorspiel zeigt, wohin es mit dem Gutsbesitzer Iwanow kommen wird.

Jämmerlicher Verlust

Er, dessen jüdische Frau an Schwindsucht, mehr noch aber an seiner Lieblosigkeit zugrunde geht, bringt sein Gut durch himmelschreiende Passivität herunter. Er würde am liebsten mit nichts etwas zu tun haben. Er beklagt jämmerlich einen Wirklichkeitsverlust. Sein Leben? Dünkt ihm ein Prozess zu sein. Nur kann der Mann im zerdrückten Anzug leider keinen "Verhandlungsleiter" erkennen. Iwanow packt einen riesigen Revolver und stößt die Flügeltüren auf. Black.

Erst nach dieser traumschweren Einleitung kann diese meisterliche Inszenierung so richtig loslegen. Sie tut es provozierend leise. Selbst Riesenbabys wie der ordinäre Gutsverwalter Borkin (Marcel Heuperman) verpflichten sich in Iwanows Gegenwart zur szenischen Vollbremsung. Die Depression hat sie alle angekränkelt. Zuvorderst natürlich Anna (Sophie von Kessel), Iwanows verhüstelte Frau.

Wie eine Ophelia der russischen Steppe taumelt sie mit fassungslosem Blick und fließendem Glatthaar in den Untergang. Bei den benachbarten Lebedjews grassiert dafür akute Salonmüdigkeit. Geschlagene Minuten sitzt die Gesellschaft schweigend, nutzlose Kartenblätter in den Fingern. "Ich passe!", lautet die Zauberlosung dieser Nichtsnutze.

Murmelnde Kläranlage

In dem kugelrunden Saufbold Lebedjew (Oliver Nägele) erkennt Iwanow den Freund, den er entbehrt und den er doch nicht gebrauchen kann. In dessen Töchterchen (Genija Rykova) stünde sogar eine blondierte Erlöserin parat. Das tut nur leider nichts zur Sache. Wie eine murmelnde Kläranlage wälzt Iwanow sein tief empfundenes Beiseite-Sitzen um und um. Den Kopf lehnt er bevorzugt an die schmutzige Wand. Loibls faszinierender Schmerzensmann gehört in die Galerie der großen, modernen Sinnverweigerer: wie Bartleby, der Schreiber.

Und so treibt die Inszenierung mit unwiderstehlichem Sog – und mit vielen höhnischen Stillständen, Leerflecken – hinein in die krasse, finale Übertreibung. Iwanow ist endlich Witwer geworden, er könnte Sascha (Rykova) nunmehr bequem heiraten. Ihm kommen im letzten Moment die üblichen hemmenden Bedenken. Loibls Iwanow schuftet um ein Leben, das er doch gar nicht haben will.

Tragödienkutsche

Der Arzt Lwow (Till Firit), der vor lauter Rechtschaffenheit schier überschnappt, meint, den indolenten Zauderer vor den Gästen bloßstellen zu müssen. Dieser brillante Neuzugang aus Wien ist der sauber gekämmte Schrecken aller Wodkatrinker, voran für Iwanows Kostgänger, den "Grafen" Schabjelski (René Dumont). Die schöne Braut weint bittere Krokodilstränen um ihren taumelnden Galan. Kušej lenkt die Tragödienkutsche noch einmal hohnlachend in den Komödiengraben. Das Fuhrwerk quietscht, aber es bleibt ganz. Das ist eisige Kunst, deren schneidende Schärfe man in Wien, wo Iwanow am Volkstheater lief, so bitter entbehrt.

Nur noch Hellsicht könnte den selbstverliebten Iwanow jetzt retten. Eine Duellfarce mit dem Arzt beendet er umgehend. "Lasst mich durch!", bettelt er noch. Und dann gehen wieder die Flügeltüren auf. Der Suizid wird zur Ausflucht hinaus ins Licht. Die Laptopmusik Bert Wredes dröhnt unversöhnlich weiter. Und aller Staub fällt ab vom "Untergeher" Iwanow. Jubel, nachdem das Münchner Publikum zwischenzeitlich schon ungeduldig zu werden drohte. (Ronald Pohl aus München, 5.6.2016)

Nächste Vorstellung am 8. Juni

www.residenztheater.de

  • Ein ebenso penetranter wie schutzwürdiger Verweigerer des Lebenssinns: Thomas Loibl gibt in München den "Iwanow".
    foto: matthias horn

    Ein ebenso penetranter wie schutzwürdiger Verweigerer des Lebenssinns: Thomas Loibl gibt in München den "Iwanow".

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