Wenn die Hochform eine Erinnerung ist

5. Juni 2016, 15:00
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Nach der missglückten EM-Generalprobe gegen die Niederlande bleibt Teamchef Marcel Koller in der Öffentlichkeit mangels Alternative optimistisch. "Es gibt keinen Grund, kritisch zu sein"

Wien – Teamchef Marcel Koller hat nach dem 0:2 gegen die Niederlande weder getobt noch geschimpft, nach vermutlich reiflicher Überlegung hat er tatsächlich gesagt: "Es war ein sehr guter Test, ich bin zufrieden." Dieser Text hätte besser zu Danny Blind, dem niederländischen Kollegen, gepasst. Er hat ihn übrigens übernommen. Natürlich unwissentlich.

Koller lobte den Auftritt in der ersten Halbzeit, in dieser habe man passabel kombiniert, die physische Bereitschaft sei ersichtlich gewesen. "Ich bin überzeugt, dass wir bereit sein werden gegen Ungarn. Es gibt keinen Grund, zu zweifeln, etwas tausendfach zu hinterfragen oder kritisch zu sein." Punkt. Der Schweizer befasst sich mit Psychologie, knapp vor einer EM-Endrunde wäre es eher unvorteilhaft, die Defizite in die Öffentlichkeit rauszuposaunen. Intern dürfte er aktiv werden, die Baustellen ansprechen.

Partyschreck in Orange

Fakt ist: Seit der souveränen Qualifikation (neun Siege, ein Remis) sind die Leistungen abgefallen. Wobei Freundschaftsspiele immer nur Freundschaftsspiele sind, eine Überbewertung wäre ebenso fahrlässig wie eine Untertreibung. Zwei 1:2-Niederlagen (Schweiz, Türkei), zwei 2:1-Siege (Albanien, Malta) und am Samstagabend das 0:2 im ausverkauften Happel-Stadion. Die Stimmung blieb bescheiden, der Abschiedsfeier fehlte es spätestens nach dem 0:1 in der neunten Minute an tanzbarer Musik. Die taktisch hervorragend eingestellten und ballsicheren Niederländer entpuppten sich als Partyschreck. Erstmals nach 23 Partien, seit dem 0:3 im September 2013 in München gegen Deutschland, wurde kein Treffer erzielt.

Lediglich Julian Baumgartlinger und Marko Arnautovic vermochten zu überzeugen. Für den Rest ist Hochform eine Erinnerung. David Alaba zum Beispiel war zwar durchaus aktiv, der Superstar mimte eine Art Freigeist, wobei unnötige Ballverluste nicht Teil dieser Rolle sein sollten. Topstürmer Marc Janko konnte seine mehrwöchige Verletzungspause nicht leugnen, er wirkte gehemmt, war ungefährlich. Es bedarf eines Crashkurses, um alte Tugenden aufzufrischen. Koller: "Er ist keine 19 mehr, das braucht Zeit, ich bin zuversichtlich."

Arnautovic sagte: "Wir haben einige Sachen gut gemacht, aber auch ein paar Sachen schlecht gemacht. Wir haben noch Zeit, um uns gut vorzubereiten und die Frische zu bekommen. Ich bin nicht beunruhigt." Sein Haberer Aleksandar Dragovic lehnte es ab, den Kopf in den Sand zu stecken. "Die Generalprobe haben wir verpatzt, aber man sagt ja, dass das ein gutes Omen ist. Natürlich muss mehr kommen. Fußball ist kein Selbstläufer." Kapitän Christian Fuchs wischte Zweifel weg: "Wir fahren mit voller Manneskraft nach Frankreich. Wir wissen, dass wir eine gute Mannschaft sind."

Freie Köpfe und Aufgabe Ungarn

Es mag beruhigend sein, dass die Ungarn gegen Weltmeister Deutschland chancenlos gewesen sind (0:2). Sie haben maximal brav verteidigt. Mit sechs bis sieben Mann. Offensiv haben sie praktisch nicht stattgefunden. Ungarn entwickelte die Gefährlichkeit eines pfotenamputierten und zahnlosen Zwergpudels. Koller stellte aber klar: "Wir unterschätzen niemanden."

Der Teamchef hat die Begriffe "Feinschliff", "Köpfe freikriegen" und "Selbstverständnis" verwendet, wiederholt. Die Spieler haben nun bis Dienstagmittag frei. "Damit sie die Köpfe freikriegen." Arnautovic wird "natürlich nicht nach Ibiza fliegen". Koller selbst wird noch Videos von Island, dem dritten Gruppengegner, zusammenschneiden. Mit Ungarn und Portugal ist er fertig.

Am Dienstag gibt es also ein Wiedersehen. Im Bundeskanzleramt. Christian Kern verabschiedet die Mannschaft, um sie irgendwann, möglichst spät und im Idealfall als Helden, willkommen zu heißen. Baumgartlinger sagte noch: "Wir müssen effizienter werden." Das Selbstvertrauen habe nicht gelitten. "Es ist immer noch so groß wir vorher." Fuchs ergänzte, und es klang gar nicht trotzig. "Wir sind bereit." Am Mittwoch ist Abflug. Am 14. Juni trifft man in Bordeaux auf Ungarn. Koller: "Wir benötigen Feinschliff." (Christian Hackl, 5.6. 2016)

  • Österreichs Verteidigung (im Bild Florian Klein gegen Quincy Promes) hatte gegen die jungen flinken Niederländer ihre liebe Not.
    foto: apa/hochmuth

    Österreichs Verteidigung (im Bild Florian Klein gegen Quincy Promes) hatte gegen die jungen flinken Niederländer ihre liebe Not.

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