Rundschau: Die Tore zur Hölle

Ansichtssache30. Juli 2016, 09:00
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coverfoto: mulholland books

Ben H. Winters: "Underground Airlines"

Gebundene Ausgabe, 336 Seiten, Mulholland Books 2016

Die Empfehlung des Monats ist zugleich das Buzz-Buch der Saison. Phantastikromane, die sich mit afroamerikanischer Geschichte befassen, werden in den USA eigentlich immer eifrig diskutiert – siehe etwa Matt Ruffs wunderbare Verknüpfung von Cthulhu-Mythos und Rassismus in "Lovecraft Country". Die brisante Gemengelage, die sich in den vergangenen Wochen in den USA aufgebaut hat, tut natürlich das ihrige dazu, dass dem Alternativweltroman "Underground Airlines" nun noch mehr Aufmerksamkeit zuteil wird. Und dann stammt er auch noch von Ben H. Winters, der uns schon mit der Weltuntergangstrilogie "The Last Policeman" gefesselt hat. Und so wie diese ist auch das gleichermaßen beeindruckende "Underground Airlines" Science Fiction ohne Spezialeffekte.

Historischer Hintergrund

In Winters' Romanwelt wurde Abraham Lincoln schon unmittelbar nach seiner Wahl zum Präsidenten erschossen. Auf seinem Begräbnis fanden sich die Politiker von Nord und Süd gewissermaßen fünf Minuten nach zwölf noch einmal zusammen und schlossen den Crittenden Compromise. Dieser besagt, dass keine nachträgliche Verfassungsänderung einem Bundesstaat das "Recht" auf Sklaverei nehmen darf. Der Bürgerkrieg fand niemals statt.

Und so existiert die Sklaverei in der Smartphone- und Daily-Soap-Welt des Jahres 2016 immer noch, wenn auch nur in den Hard Four Carolina (wiedervereinigt), Alabama, Louisiana und Mississippi. Drei Millionen AfroamerikanerInnen leben hier als Persons Bound to Labor (PB) auf Farmen, in Minen oder in Fabriken. Im zweiten Teil des Romans werden wir ins Innere eines solchen Sklavenbetriebs vordringen, und was wir dort vorfinden, wird den Albtraumvisionen George Orwells in nichts nachstehen.

Das System kennt kein Entrinnen

Der Roman startet damit, dass sich der Erzähler – ein verzweifelt erscheinender Mann – hilfesuchend an einen Priester wendet, der möglicherweise für die Underground Airlines arbeitet: So lautet die metaphorische Bezeichnung für ein Netzwerk, das Sklaven auf Schleichwegen aus dem Süden rettet, angelehnt natürlich an die berühmte Underground Railroad des 19. Jahrhunderts. In Sicherheit ist man jedoch erst, wenn einen die "Fluglinie" bis nach Kanada geführt hat. Teil des Kompromisses, der die Union zusammenhielt, war es nämlich, dass entlaufene Sklaven in den Süden zurückgebracht werden müssen, wenn man sie irgendwo in den USA aufgespürt hat. Selbst wenn sie schon seit Jahren unter neuer Identität frei leben, einen Beruf ausüben und eine Familie gegründet haben. Vollstreckt wird diese unbarmherzige Politik von den US-Marshals.

... für die unser Erzähler als Agent arbeitet, wie sich umgehend zeigt. Der Mann, der sich Victor nennt, wurde selbst als Sklave geboren und konnte fliehen – verstreut über die Kapitel erzählen Flashbacks, wie es zu seiner Flucht kam. Doch Victor wurde geschnappt und vor die Wahl gestellt: Entweder zurück auf die Schweinefarm – oder er hilft den Marshals dabei, andere Geflüchtete aufzuspüren. Was hätte er schon tun können?

Der ungreifbare Victor

Wie schon "The Last Policeman" ganz wesentlich vom Charakter seines Titelhelden Hank Palace lebte, wird auch "Underground Airlines" von seiner Hauptfigur getragen. Victor teilt einige Züge mit Hank, etwa eine stoische Pflichterfüllung und eine gewisse Pedanterie, erweist sich aber als um einiges vielschichtiger – paradoxerweise deshalb, weil sein Kern ein großes Nichts zu sein scheint. I had a lot of names. Or, more precisely, it was my practice at the beginning of a new job to think of myself as having no name at all. As being not really a person at all. A man was missing, that's all – missing and hiding, and I was not a person but a manifestation of will. I was a mechanism – a device. That's all I was.

Als begnadetes Chamäleon schlüpft Victor von einer gefälschten Identität in die nächste und verinnerlicht diese so sehr, dass die Grenze zwischen falsch und echt auch für ihn verschwimmt. Bezeichnend, wie er Empörung darüber fühlt, dass ihm der Priester bei seinem gefakten Problem nicht helfen will: Ob er damit wie ein Method-Actor seiner Rolle entspricht oder – mit Blick auf seine eigene Vita – ehrlich so empfindet: Wer könnte das eine vom anderen unterscheiden? Am wenigsten wohl Victor selbst, der ohne Familie aufwuchs und in der kurzen Phase seiner Freiheit menschliche Gefühle und Beziehungen "nachlernen" musste – ein Studiengegenstand, nicht weniger fremd als Geschichte oder Chemie. Und der sich in seinem Kellerversteck laut "Ha ha ha!" vorsagte, weil es ihm zuvor nie erlaubt war, laut zu lachen.

Ein Tumor und seine unzähligen Metastasen

Es sind Details wie diese, die Winters' Roman so unwahrscheinlich echt wirken lassen. Wie der Blick auf ein Südstaatenstädtchen, in dem alle so reizend miteinander umgehen wie in einem "Sissi"-Film (Victor nennt es eine Watercolor world): Das perfekte Idyll – wäre da nicht auch ein Scharfschütze auf einem Dach postiert, der die örtlichen Sklaven im Auge behält. Und keine lange Beschreibung könnte die Effizienz der Sklavenhalterindustrie besser auf den Punkt bringen als die Tatsache, dass im Datenblatt jeder PB auch ein Vermerk wie "late-summer honey, warm tone, #76" steht: Über 200 verschiedene Haut-Tönungen hat die Bürokratie des Südens aufgeschlüsselt, um ihre Opfer besser identifizieren zu können.

Indirektes Opfer des Systems sind aber nicht zuletzt die USA selbst: Da sie sich mit der Sklaverei arrangiert haben, werden sie vom Großteil der Welt boykottiert (auf den Straßen kurven folgerichtig südafrikanische Automodelle ...). Darunter leidet ironischerweise vor allem der Norden, während die Hard Four als quasi geschützte Zone den maximalen Profit aus der Sklaverei schlagen. Besonders böses Detail: eine Ladung von Billig-T-Shirts, die zu Nulllohnkosten produziert wurden und nach China exportiert werden ...

Die Malaise geht aber weit über die Wirtschaft hinaus: Da die Sklaverei nie abgeschafft wurde, wirft sie ihren rassistischen Schatten auch über die "freien" Staaten. Und je weiter man nach Süden kommt, desto dunkler wird er, was Victor mit einem "Schwierigkeitskoeffizienten" umschreibt: I think of it sometimes as a pressure in the atmosphere, like walking under water: the extra effort required to get served at a restaurant, make a purchase at a store. Check in to a motel. "Underground Airlines" rechnet nüchtern vor, was es eine Gesellschaft kostet, wenn sie einen faulen Kompromiss mit ihren Grundwerten eingeht.

Große Empfehlung!

Und Victor? Wird er aus Selbstschutz seinem Auftrag treu bleiben? Der ihn auf eine perverse Weise sogar erfüllt, wie er sich – gnadenlos selbstanalytisch, wie er ist – heimlich eingesteht: That's the problem with doing the devil's work. It can be pretty satisfying now and again. Pretty goddamn satisfying. Wird er weiter seine Leidensgenossen verraten oder sich doch noch gegen das System wenden? Diese Frage wird uns nach einer Reihe von Twists und Überraschungen buchstäblich bis zum Ende des Romans in Atem halten.

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