Warnung vor Gefängnissen als "Brutstätten" für Radikale

4. Juni 2016, 10:00
228 Postings

Islamexperte kritisiert, Häftlinge mit islamistischem Hintergrund würden in heimischen Haftanstalten unzureichend "deradikalisiert"

Wien – Sie hatten in Syrien alle erdenklichen Entmenschlichungen erfahren: Köpfungen, öffentliches Auspeitschen, Handabschlagen. Fast Kinder waren sie noch, als sie in die Terrormaschinerie gelockt wurden. Bald waren sie IS-Kämpfer oder "Scharia-Polizisten". Dieser Tage wurden die beiden jungen Syrer in Graz wegen Mitgliedschaft bei einer Terrororganisation zu vier Jahren Haft verurteilt.

Für die Öffentlichkeit ist das Kapitel so weit abgeschlossen, was aber passiert mit den beiden hinter Gittern? Werden die Jugendlichen weiter radikalisiert, oder "infizieren" sie andere Häftlinge? Wer hilft ihnen, von den Irrfahrten des radikalen Islamismus wieder herunterzukommen?

Derzeit sind 38 Personen in Österreich mit mutmaßlichem Terrorhintergrund in Haft oder U-Haft, darunter etliche Jugendliche. Im letzten Sommer hat Justizminister Wolfgang Brandstetter eine Task-Force mit Sozialarbeitern, Psychologen und Experten der Organisation Derad eingerichtet, die sich um "Deradikalisierung" in Haftanstalten kümmert. Es gehe darum, der Gefahr, dass Gefängnisse zu "Brutstätten für Radikalisierung" würden, entgegenzuwirken, sagt Brandstetter.

"Religiöse Verirrung"

Der islamische Religionslehrer Ramazan Demir betreut seit Jahren ehrenamtlich muslimische Häftlinge. Er hält das Bemühen des Ministeriums zwar für wichtig, aber völlig unzureichend. Die Therapeuten und Deradikalisierungsexperten, die das Justizministerium jetzt einsetzt, seien ein wesentlicher Fortschritt, der Pädagoge warnt aber davor, dass gängige Betreuungsmethoden bei Häftlingen mit extrem-religiösen Hintergrund nicht wirken, weil die oft jungen Häftlinge genau beim kritischen Punkt, der religiösen "Verirrung", damit nicht erreicht werden könnten.

Diesen Zugang könnten nur islamische Seelsorger schaffen. "Wir brauchen unbedingt angestellte islamische Seelsorger in den Gefängnissen, die sich um die Radikalen kümmern. Nur sie haben die Autorität, die Häftlinge von ihrem religiösen Irrweg zu überzeugen", sagt Ramazan Demir im Gespräch mit dem Standard. "Die Leute hören nicht auf einen Menschen, den sie nicht kennen. Sie wollen für ihre religiösen Fragen eine Vertrauensperson, eine Islaminstanz. Nur wir können die Häftlinge von ihren falschen Sichtweisen des Korans oder der Scharia überzeugen. Das können Sozialarbeiter und Psychologen nicht leisten, so wichtig sie für die Deradikalisierung auch sind", sagt Ramazan Demir.

Momentan sitzen 1600 muslimische Gefangene in den Haftanstalten. Es gebe aber keinen einzigen angestellten Islamseelsorger. "Auf der anderen Seite finanziert der Staat 570 islamische Religionslehrer. Das muss man rasch ändern", sagt der Islamexperte. (Walter Müller, 4.6.2016)

Share if you care.