Franzosen sind eben keine Spanier

3. Juni 2016, 17:15
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Die Elitefußballer des EM-Gastgebers logierten zur Vorbereitung auf das Spektakel im Tiroler Neustift

Neustift im Stubaital – Wenige Tage vor Anpfiff der Euro in Frankreich trainiert die Équipe Tricolore vor Publikum in Neustift im Stubaital. Zwei Burschen rangeln um den Ball. Der größere stößt dem anderen im Laufen den Ellbogen in die Rippen. Dieser rutscht auf dem feuchten Rasen aus und fällt rücklings in den Gatsch. "Blöder Depp", schreit er, kämpft mit den Tränen. Sein Widersacher zielt gekonnt auf die kleine Holzhütte am Spielfeldrand. Tor!

Ein paar Burschen vom SSV Neustift reißen triumphierend die Arme in die Höhe. Hinter der Absperrung dehnen Les Bleus derweil mit geschwellter Brust ihre Beine in der Abendsonne.

Die Vorhänge im Milderer Hof

"Die Spanier waren damals irgendwie zutraulicher", sagt eine Polizistin, die schon im Jahr 2008 als Wache nach Neustift beordert wurde. Für das Stubaital war die Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz der Starschuss in den Fußballtourismus. "Der österreichische Fußballverband hat Trainingsdestinationen angefragt", erzählt Sportvereinsobmann Florian Kindl. "Schlussendlich haben wir die Zusage aus Madrid erhalten."

Für die spanische Nationalelf hat die 4700-Seelen-Gemeinde vor acht Jahren den ganzen Ort auf Vordermann gebracht: neuer Sportplatz, Public-Viewing-Zelt, Spanischkurse für Bevölkerung und Hotelpersonal – im Milderer Hof, in dem die Kicker untergebracht waren, wurden alle Vorhänge ausgetauscht, damit die Jungs im Dunkeln Siesta halten können. "Dass jetzt die Franzosen hier sind, ist natürlich das zweite Highlight seit 2008", sagt Roland Volderauer, Chef des Tourismusverbands Stubaital. Doch will die Stimmung von damals nicht so recht aufkommen.

Keine Autogramme

Als das einzige öffentliche Training der Franzosen begann, stand die Neustifter Fußballjugend noch mit offenen Mündern am Zaun – die Buben haben Schilder bemalt und streckten blau-weiß-rote Flaggen empor. Einige hielten ihre Panini-Hefte parat – in der Hoffnung auf ein Autogramm. Doch Griezmann, Pogba, und wie sie alle heißen, trabten teilnahmslos an den kleinen Fans vorbei. So begannen die eben nach kurzer Zeit, selbst Fußball zu spielen.

Zuvor hatte Kingsley Coman in einer Pressekonferenz ausführlich auf die Fragen vornehmlich französischer Journalisten geantwortet. Dass er vor nichts Angst habe außer vor kleinen Spinnen, witzelte er. Dass er sich von Terroristen nicht einschüchtern lasse, er sich aber schon um die Fans sorge, führte er aus. Wie es ihm in Österreich gefalle? "Es ist grün", die knappe Antwort des Teamkollegen von David Alaba bei Bayern München.

In Zahlen sei es "schwer zu bemessen", was das Stubaital der Aufenthalt der Franzosen kostet, sagt Volderauer. "Es steckt ja vor allem auch viel Manpower von uns drinnen", erklärt er. Vom Land Tirol habe es jedenfalls eine "großzügige Zuwendung" gegeben, der Tourismusverband stelle das Medienzentrum, den Sicherheitsdienst und die Verpflegung, der Bund die Polizisten, das Hotel bezahle die Mannschaft selbst. "Nachdem die Spanier da waren, haben viele Teams den Weg zu uns gefunden", sagt Volderauer – und auch jetzt biete sich natürlich wieder die Chance, das Tal vor internationalen Journalisten zu präsentieren.

Der Aufwind der Berge

Schlussendlich musste das französische Nationalteam jedoch verfrüht am Freitagvormittag abreisen – aufgrund der Streiks in Frankreich wurde befürchtet, dass die Mannschaft sonst nicht rechtzeitig für den Test gegen Schottland am Samstag in Metz daheim ist. Die Hoffnung auf den EM-Titel sei groß, verkündete Antoine Griezmann noch bei einem Pressetermin. Die "frische Luft in den Bergen" gebe ihnen Aufwind.

Eines bleibt jedenfalls auch den Burschen vom SSV Neustift: "Unsere Plätze sind jetzt auf internationalem Topniveau, das haben selbst die Franzosen bestätigt", sagt Kindl und lächelt. (Katharina Mittelstaedt, 3.6.2016)

  • Freundlich, aber doch distanziert gaben sich die französischen Stars wie Paul Pogba (links) und Antoine Griezmann im Stubaital.
    foto: apa/afp/fife

    Freundlich, aber doch distanziert gaben sich die französischen Stars wie Paul Pogba (links) und Antoine Griezmann im Stubaital.

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