Die Mütter des Tiananmen geben nicht auf

4. Juni 2016, 09:00
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Chinas Führung unterdrückt jede Erinnerung an das Massaker vom 4. Juni 1989

Die 79-jährige Ding Zilin meldet sich selbst an ihrem Festnetzanschluss. Mit zerbrechlicher Stimme antwortet sie am Donnerstag: "Ich darf nichts sagen, es geht nicht." Dann legt die alte Dame wieder auf. Pekings Behörden halten die Gründerin der Hinterbliebenenorganisation "Mütter des Tiananmen" seit dem 30. Mai unter Hausarrest fest, genau eine Woche vor dem Jahrestag des 4. Juni 1989.

Sie haben ihr auch das Handy weggenommen, damit sie keine Botschaften bekommen oder senden kann. Die machtbewusste Volksrepublik fürchtet sich vor einer herzkranken Frau. Weil diese nicht aufhört, lauthals nach Aufklärung und Aufarbeitung eines 27 Jahre zurückliegenden Militäreinsatzes im Herzen Pekings gegen Chinas Demokratiebewegung zu rufen. Und weil sie fordert, die Verantwortlichen für den Tod auch ihres damals 17 Jahre alten Sohnes endlich zur Rechenschaft zu ziehen.

In China gibt es kein größeres Tabuthema als den 4. Juni. Der Chengduer Teehausbesitzer Fu Hailu hat es selbst erlebt. Vergangene Woche soll er Fotos von Schnapsflaschen ins Internet gestellt haben, auf deren Etikett Zahlen als Synonym für den 4. Juni 1989 standen. Er wurde der Subversion beschuldigt und am Wochenende festgenommen. Mutige Blogger versuchen die Zensur zu umgehen, indem sie den Begriff 4. Juni trickreich umschreiben. Lange Zeit funktionierte die Formel "35. Mai". Inzwischen wird auch sie blockiert.

Opferzahl unter Verschluss

Doch die Angehörigen der Opfer, die Mütter und Väter, reden trotz aller Einschüchterungsversuche Klartext. Ding war Philosophiedozentin an der Volksuniversität Peking, als ihr Sohn Jiang Jielian spätnachts am 3. Juni 1989 von einer Kugel tödlich getroffen wurde. Er stand an einer Pekinger Straßenecke. Auf ihrem Durchmarsch zur Räumung des von Studenten besetzten Platzes des Himmlischen Friedens schoss die Armee wahllos um sich. 1995 gründete Ding die "Mütter des Tiananmen". Es wurde eine Sammelbewegung für alle Angehörigen, die in der Nacht auf den 4. Juni Kinder oder enge Verwandte verloren.

Ding machte nach und nach Angehörige von 203 Toten ausfindig und dokumentierte jeden Fall ausführlich. Die wirkliche Zahl der damals ums Leben gekommenen Personen hütet Peking als Staatsgeheimnis. Ding schätzte sie einst auf tausend Menschen.

"Konterrevolutionärer Aufruhr"

Chinas Führung verteidigte die militärische Niederschlagung der Studentenproteste anfangs als "Befriedung eines konterrevolutionären Aufruhrs". Inzwischen will sie die Vorgänge von 1989 völlig vergessen machen. Auch die Nachricht, dass der letzte der insgesamt 1602 von Chinas Justiz verurteilten "Aufrührer" diesen Herbst entlassen wird, kommt nicht von den Pekinger Behörden. Die US-Gefangenenhilfe-Organisation Duihua durfte sie verbreiten. Entlassen wird Miao Deshun. 1989 soll der damals 25-Jährige mit vier anderen Personen einen liegengebliebenen Panzer angezündet haben. Dafür wurde er zum Tode verurteilt, die Strafe wurde später in lebenslange Haft umgewandelt.

Obwohl Ding derzeit rund um die Uhr bewacht wird, erschien am Donnerstag über die US-Menschenrechtsorganisation Human Rights in China der neue jährliche Brief der "Mütter des Tiananmen". Erstmals hat Ding, die vergangenen September vom Tod ihres Mannes und im November von dem ihrer Tochter getroffen wurde, nicht an dem Brief mitgearbeitet. Doch es ist ihre Diktion: "Eine Regierung, die das historische Leid vergisst, verbirgt und vertuscht, hat keine Zukunft. Sie wird eine Regierung bleiben, die weiter Verbrechen verüben wird."

Zweierlei Maß

Im Brief 2015 hatten die Mütter Chinas Partei doppelte Standards vorgeworfen. 70 Jahre nach Japans Kapitulation würde sie vom einstigen Kriegsfeind zwar völlig zu Recht verlangen, seine monströsen Verbrechen zu bereuen und die Vergangenheit zu bewältigen. Doch all das sei nur glaubwürdig, wenn sie sich ihrer eigenen Vergangenheit und Verantwortung für die vielen Millionen Toten ihrer Klassenkampf-Kampagnen, für die mörderische Kulturrevolution und für den 4. Juni stellt. Chinas Führer könnten nicht "auf ewig die Gesellschaft zum Erinnerungsverlust zwingen" .

Den Brief von 2016 haben 131 Angehörige unterschrieben, zwei mehr als den des Vorjahrs. Noch finden sich Betroffene, die sich erst in hohem Alter trauen, ihr lebenslanges Leid öffentlich zu bekennen. Doch der Brief führt auch die Namen von 41 Hinterbliebenen auf, die in den 27 Jahren seit 1989 gestorben sind, ohne dass ihre Forderungen nach Aufklärung erfüllt wurden. Die Zeit, das befürchten die couragierten Mütter des Tiananmen, arbeitet für Peking. (Johnny Erling aus Peking, 4.6.2016)

  • Ding Zilin mit ihrem mittlerweile verstorbenen Mann. Im Hintergrund hängt das Bild ihres Sohns, der in der Nacht auf den 4. Juni 1989 durch eine Kugel getötet wurde. Er wurde 17 Jahre alt.
    foto: johnny erling

    Ding Zilin mit ihrem mittlerweile verstorbenen Mann. Im Hintergrund hängt das Bild ihres Sohns, der in der Nacht auf den 4. Juni 1989 durch eine Kugel getötet wurde. Er wurde 17 Jahre alt.

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