Berlin-Biennale: Schauplätze erzwungener Metaebenen

4. Juni 2016, 15:00
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Kunst kann schon eine Weile alles Mögliche sein. Dass da aber immer noch mehr geht, zeigt die 9. Berlin-Biennale. Kuratiert vom New Yorker Künstlerkollektiv DIS, verpasst man sich einen weiteren Schub in Richtung offene Form

Zwischen Kunst und Theorie herrscht schon seit längerem eine gewisse Konfusion. Das Denken erfasst die Zeit "in Gedanken", die Kunst macht das Gleiche mit ihren Mitteln, also Materialien und Medien, Gedanken gehören da auch dazu. Bleibt als offener Begriff vor allem der der "Zeit". Was ist gemeint, wenn eine Veranstaltung sich, wie die an diesem Wochenende eröffnende 9. Berlin-Biennale, den Titel The Present in Drag gibt? Kann die Gegenwart Fummel tragen? Mit dem New Yorker Kollektiv DIS, das dieses Mal als Kurator tätig war, hat sich die immer noch junge Berlin-Biennale jedenfalls einen weiteren Schub in Richtung offene Form verpasst. Kunst kann ja schon eine Weile alles Mögliche sein, nun aber zeigt sich: Es geht immer noch mehr.

Das beginnt damit, dass wie schon gewohnt Gebäude umgewidmet und Locations gescoutet werden: Die Akademie der Künste am Pariser Platz gleich neben dem Brandenburger Tor, als Begegnungsort ganz wunderbar, als Ausstellungsstätte aber schwierig zu bespielen, wird in diesem Jahr zum Ausgangspunkt; das ehemalige Staatsratsgebäude der DDR gleich neben dem schon fast fertigen Schloss, nun Sitz einer Business School, wird eine wichtige Außenstelle.

In die Kunstwerke haben DIS viel Kunst getan, die Räume in Räumen schafft. Zum Beispiel den Triomf Factory Shop der südafrikanischen CUSS Group, der so tut, als wäre er ein Laden, und der auch ein Laden ist, hinter dem sich aber ein Studio verbirgt, in dem allerlei materielle und immaterielle Arbeit erbracht wird.

Überdruck im Kunstbetrieb

In der Feuerle Collection unweit des Potsdamer Platzes wird in einem Bunker, der einem Sammler gehört, eine kleine Ausstellung imitiert, wie sie ein Sammler ausrichten könnte: vier Positionen, dekorativ aufeinander bezogen.

Die Berlin-Biennale reiht sich damit mehr oder weniger bewusst in den permanenten Kunstumtrieb ein, der in Berlin nun einmal herrscht. Erst neulich war Gallery Weekend (damals eröffnete die Feuerle Collection), am Vorabend der Biennale eröffnete die Sammlerin Julia Stoschek ihren neuen Medienkunstort mit einer Schau Welt am Draht. Die Biennale kann gar nicht anders, als da einfach mitzumachen – und zugleich soll sie das alles in ein Labor überführen, die Logiken durchschaubar machen, kritische Metapositionen einnehmen. Und das alles mit einer Gegenwart im Titel, die noch vor zwei Jahren, bei der Biennale davor, signifikant anders verfasst gewesen sein soll?

Man sieht der 9. Berlin-Biennale diesen Überdruck an, dass der Betrieb nicht nur alle zwei Jahre, sondern im Grunde andauernd eine neue "Zeit" definieren möchte, um seine Übermacht (an Kapital) und seinen Übermut (mit Begriffen) darauf loszulassen. In der Akademie der Künste geht das ganz gut auf, das verwinkelte Gebäude verwandelt sich in eine Erlebnislandschaft mit Schimärenwesen, in eine Großinstallation zwischen Mode und Skulptur. Das australische Centre for Style bespielt eine fragile Brücke im Gebäude, man bekommt beinahe den Eindruck, die Welt könnte auf einem Drahtgespinst ihren archimedischen Punkt finden.

Im exkommunistischen Pracht-bau der heutigen ESMT (European School of Management and Technology) hingegen geht der Zeichenmix eher pathetisch auf: Hier wird, etwa von der Gruppe GCC aus Dubai, die Rhetorik des Managements mit New-Age-Gesten verknüpft, während Simon Denny mit drei "Messeständen" eine Firmenwelt der Zukunft antizipiert, in der plötzlich wieder analoge "Währungen" wie Briefmarken an die Seite von digital generierten Werteinheiten treten.

Brecht und die EZB

Die ganze, komplizierte Verschränkung öffentlicher und kommerzieller Orte bei der Berlin-Biennale heben vielleicht am besten die beiden Videokünstler Korpys/Löffler in sich auf, die in der Feuerle Collection eine Installation zentral platziert haben: Transparenz, Kommunikation, Effizienz, Stabilität spielt mit Innen- und Außenansichten der Europäischen Zentralbank in Frankfurt, die ja zugleich so etwas wie Herrschaftsarchitektur und deren Öffnung darstellt. In die Videoaufnahmen sind Inserts einmontiert, die wie Textfelder aus heutigen Messaging-Apps wirken. Die Texte sind von Brecht. Der zentrale Satz lautet: Verwisch deine Spuren. Der Berlin-Biennale von 2016 könnte dies unvermutet besser gelungen sein, als sie das beabsichtigt haben kann. (Bert Rebhandl, 4.6.2016)

  • "Cover your tracks!", "Verwisch deine Spuren!": Das Brecht-Zitat haben die Videokünstler Korpys/Löffler über Aufnahmen des EZB-Gebäudes gelegt. Eine der besten Arbeiten.
    foto: korpys/löffler

    "Cover your tracks!", "Verwisch deine Spuren!": Das Brecht-Zitat haben die Videokünstler Korpys/Löffler über Aufnahmen des EZB-Gebäudes gelegt. Eine der besten Arbeiten.


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