Richard Schuberth: Der alte Mann und das Mädchen

6. Juni 2016, 13:52
posten

Die Rache des Dauererregten: Richard Schuberths Debütroman "Chronik einer fröhlichen Verschwörung"

Ernst Katz war Universitätsprofessor, und das merkt man ihm auch im Ruhestand an. Er ist ein notorischer Besserwisser, ein griesgrämiger Grantler im Geist der Kritischen Theorie. Er wettert mit der gleichen Emphase gegen die "baumarktbarocken" Eigenheime des Traunviertels wie gegen Steven Spielberg oder Thomas Bernhard. Er begreift die ganze Welt als Feindesland, die umgekehrt in ihm den Spaßverderber sieht, "der immer ein Haar in der Suppe findet".

Nicht bloß ein Haar, sondern ein veritables Haarbüschel meint Katz gefunden zu haben, als er vom Plan des jungen Erfolgsautors Rene Mackensen erfährt, ein Buch über die jüdisch-österreichische Dichterin, Philosophin und Germanistin Klara Sonnenschein zu schreiben. Das Vorhaben rührt an eine empfindliche Stelle, denn mit Klara Sonnenschein verband ihn seinerzeit eine problematische Liebesbeziehung. Was den Dauererregten aber besonders erregt, ist das Marketingkalkül, das er dem jungen Autor unterstellt. Da versuche sich einer an "Holocaustprosa", der keine Ahnung habe, doch sehr genau wisse, wie marktgängig derlei Themen seien.

Katz nimmt sich vor, das Schreibprojekt zu torpedieren, und dabei wächst ihm in Gestalt des 17-jährigen Mädchens Biggy, das er im Zug trifft, eine einfallsreiche Komplizin zu. Bis die Verschwörung der beiden, von der im Titel die Rede ist, Fahrt aufnimmt, gilt es allerdings 200 Seiten zu bewältigen, und es sind leider 200 ziemlich zähe Seiten.

Das hat damit zu tun, dass die Komplizenschaft zwischen dem angegrauten Altachtundsechziger und der aufgeweckten Halbwüchsigen ein weitgehend papierenes Konstrukt bleibt, das jeglicher Glaubwürdigkeit entbehrt. Katz hat Biggy gerade erst wahrgenommen, da weiß er schon, dass er sie "braucht", und kaum hat er ihr seine Destruktionsabsicht dargelegt, repliziert sie mit einem munteren "Das kriegen wir schon hin".

Zwar betonen die beiden, voneinander lernen zu wollen, aber diese Annäherung wird nicht erzählerisch entwickelt, sondern bloß behauptet. Biggy denkt und redet altklug wie ihr Gefährte, und statt ein plausibles Eigenleben zu entfalten, zappeln beide wie Marionetten am Gängelband ihres Erfinders.

Schuberth kann es in seinem Debütroman nicht lassen, seine Gescheitheit auszubreiten, und überschreibt Figuren und Situationen unablässig mit Kommentaren und Erklärungen. Bliebe diese Reflektiertheit auf Ernst Katz beschränkt, könnte sie als Ausdruck eines spezifischen Figurenbewusstseins durchgehen, doch Schuberth überschreitet die Grenzen der Rollenprosa und redet nicht bloß Katz, sondern allen seinen Figuren drein.

Er legitimiert dieses Verfahren mit einer grundlegenden Skepsis gegenüber den Erfordernissen des handlungsorientierten Romans. Schriebe er einen Roman, lässt Schuberth Katz sagen, wären die Figuren "dort bloß Butler, die den Gedanken Cocktails ans Bett tragen". Das hindert ihn dann freilich nicht daran, vor allem im zweiten Kapitel ein herrlich durchgedrehtes, vergnügliches Handlungsfurioso in Gang zu setzen. Die "fröhliche Verschwörung" realisiert sich als Travestie romanhafter Verstrickungen, und da bewegt sich Schuberth stilsicher auf einem Terrain, das seinem schreiberischen Temperament offenbar entgegenkommt.

Insgesamt allerdings kann er sich nicht entscheiden, ob er den handlungsorientierten Roman ernst nehmen oder ironisieren soll. Das zeitigt ein unausgewogenes Textgebilde ohne überzeugende Erzählperspektive, in dem Licht und Schatten, Langatmigkeiten und satirische Glanzstücke nebeneinanderstehen. Die Vita von Richard Schuberth verlautet, dass er Essays, Satiren, Theaterstücke und Drehbücher schreibe. Jetzt hat er sich zur Abwechslung an einem Roman versucht, aber das wollte auf Anhieb nicht wirklich klappen. Da gibt es noch Luft nach oben. (Gerhard Melzer, 3.6.2016)

  • Richard Schuberth, "Chronik einer fröhlichen Verschwörung". € 23,60 /  479 Seiten.  Zsolnay, Wien 2015
    cover: zsolnay

    Richard Schuberth, "Chronik einer fröhlichen Verschwörung". € 23,60 / 479 Seiten. Zsolnay, Wien 2015

Share if you care.