Europa erforscht Makaronesiens Naturschätze

6. Juni 2016, 09:02
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Die Inseln im Atlantik sind sehr artenreich: Wale und Delfine lieben die Kanaren, die Azoren und Madeira

Eine der artenreichsten und zugleich kaum erforschten Regionen Europas wird derzeit von Wissenschaftern untersucht. Das EU-Projekt nennt sich Mistic Seas und soll bis Mitte 2017 erste Informationen zum Leben rund um Makaronesien bringen, eine Region, die die europäischen Atlantikinseln Azoren, Madeira und Kanaren einschließt. Unter anderem werden große Meeressäuger erfasst und beobachtet.

650.000 Euro stellt die Europäische Kommission für die Studie bereit. Sechs Forschungseinrichtungen aus Spanien und Portugal sind daran beteiligt. Die Ergebnisse von Mistic Seas sollen eine Grundlage für den Meeresschutz bilden. Europa will auch in den sogenannten äußersten Randgebieten die Umsetzung der gemeinsamen Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie ermöglichen. Die strebt bis 2020 den Schutz und Erhalt europäischer Meere und womöglich die Wiederherstellung eines guten Allgemeinzustandes an.

Die biogeografische Region liegt in der subtropischen Klimazone. Zu ihr gehört auch der afrikanische Inselstaat Kapverden vor Senegal. Sie ist durch Passatwinde, den Azoren- und Kanarenstrom und tiefe, nahrungsreiche Gewässer charakterisiert. Alle makaronesischen Inseln sind vulkanischen Ursprungs. Nah vor ihren Küsten kann der Boden bereits tausende Meter tief abfallen. Das zieht große Meeressäuger an. Für sie interessieren sich nicht nur Whale-Watcher, sondern auch Meeresbiologen und Tierärzte, denn oft stranden Tiere.

Giftstoffe, Lärm und Boote

Vidal Martín ist an dem Forschungsprojekt Mistic Seas beteiligt. Er leitet auf den Kanaren die Gesellschaft zur Erforschung der Meeressäuger (Secac) und nennt Makaronesien ein Paradies für Wale und Delfine. Rund 30 Arten, etwa ein Drittel aller bekannten Arten, leben dort ständig oder zeitweise. Gesichtet wurden sesshafte Brydewale oder Schnabelwale, die bis 1500 Meter tief tauchen und nur etwa fünf Prozent ihres Lebens an der Oberfläche verbringen.

Auch die wenig erforschten Kurzflossen-Grindwale leben dort sowie Große Tümmler, Rauzahndelfine oder Atlantische Fleckendelfine und die schwarz-weißen Orcas oder Schwertwale, die trotz ihres Namens zu den Delfinen gehören und zu den größten Raubtieren der Erde zählen.

Martín hat auf den Kanaren ein Koordinationsnetz aufgebaut, das gestrandete Tiere Veterinärmedizinern zukommen lässt. Die Untersuchungen der Kadaver erlauben Rückschlüsse auf die Todesursache des Individuums und die Bedrohung seiner Art. "Bei seltenen Arten wie den Schnabelwalen ist das bislang unsere einzige Informationsquelle", sagt er. Der Aktivist schätzt, dass mindestens ein Drittel der gestrandeten Tiere an den Folgen menschlicher Aktivität gestorben ist.

Gefährliches Gebiet für Pottwale

Pottwale kommen vor den Kanaren besonders häufig zu Tode. Ihnen werden die Schnellfähren zwischen den Inseln zum Verhängnis. Die bis zu 20 Meter langen Säugetiere leben normalerweise in großer Tiefe und machen Tauchgänge von bis zu einer Stunde. Wenn sie zum Luftholen an die Oberfläche kommen, müssen sie den Druck ausgleichen. "Dann sind sie einige Minuten lang nicht reaktionsfähig", sagt Martín.

Auch Giftstoffe im Gewebe oder Stress durch Lärm unter Wasser sind Todesursachen. Vor rund zehn Jahren wurden nach Massenstrandungen in kanarischen Gewässern Militärmanöver mit Sonargeräten verboten. Der Veterinärmediziner Jesús de la Fuente von der Universität Las Palmas auf Gran Canaria vermutet, dass auch hinter natürlichen Todesursachen oft menschliches Einwirken steht. "Tiere, die Stress oder Gift ausgesetzt sind, haben ein anfälligeres Immunsystem", sagt er.

De la Fuente untersucht Meeressäuger seit mehr als 20 Jahren. Die Menge an verschlucktem Plastik habe eindeutig zugenommen, sagt er, und auch die Fälle von Toxoplasmose seien gestiegen, einer Infektionskrankheit, die an Land von Katzen übertragen wird. "Wir vermuten, dass sich Wale und Delfine durch schlecht geklärte Abwässer infizieren", sagt er.

Sein Team vergleicht nun Daten mit Kollegen der Azoren und auf Madeira. Riesige Schutzgebiete, wie sie Aktivisten etwa für die Gewässer vor Lanzarote und Fuerteventura fordern, überzeugen weder Vidal Martín noch Jesús de la Fuente. "Schutzgebiete gibt es viele", sagt Martín, "die wenigsten werden respektiert." Auch de la Fuente sagt: "Der beste Schutz der Meeressäuger ist ein Mentalitätswandel der Menschen." (Brigitte Kramer aus Lanzarote, 4.6.2016)

  • Auch Orcas kommen im Gebiet Makaronesiens vor.
    foto: ap/noaa fisheries

    Auch Orcas kommen im Gebiet Makaronesiens vor.

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