ORF-Generalswahl: Standard-Strategien für die Schlüsselspieler

Analyse3. Juni 2016, 18:25
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Hat ein Stiftungsrat für den Sieger gestimmt, kann er oder sie sich meist bessere Chancen ausrechnen, dass dieser neue ORF-General Wünsche umsetzt

Wien – Diesmal kommt es nicht auf 31.000 Stimmen an, sondern auf zwei, drei, vier: Am 9. August bestellen 35 Stiftungsräte des ORF den nächsten Boss von Österreichs weitaus größtem Medienkonzern. Weil SPÖ und ÖVP dort in etwa gleich stark sind, und weil aus heutiger Sicht wohl ein roter und ein schwarzer Kandidat antreten, entscheiden der Blaue, der Grüne, der Pinkfarbene und der Gelbe und der oder die eine oder andere Unabhängige, wer den ORF ab 2017 führt.

Beide Kandidaten vermitteln seit Monaten den Eindruck, sie hätten eine Mehrheit von 18 oder mehr Stiftungsräten. Running Gag im ORF: Der Stiftungsrat müsste weit mehr als 35 Mitglieder haben, damit der amtierende General und Sozialdemokrat Alexander Wrabetz wie auch der bürgerliche Finanzdirektor Richard Grasl – noch undeklariert, aber unübersehbar intensiv um Stiftungsräte bemüht – soviele Stimmen hinter sich haben können.

Den Eindruck einer sicheren Mehrheit zu vermitteln, zählt zum Standardrepertoire von ORF-Kandidaten. Er dient als Hebel für weitere Wähler. Denn hat ein Stiftungsrat für den Sieger gestimmt, kann er oder sie sich meist bessere Chancen ausrechnen, dass dieser neue ORF-General Wünsche umsetzt. Das können Anliegen in Personal, Struktur, Inhalten und Geschäften des ORF sein; Anliegen zum Nutzen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, oder des jeweiligen Stiftungsrats, oder von Parteien oder Institutionen.

Also halten sich die Einzelkämpfer im Stiftungsrat auch nun, zwei Monate vor der Wahl, bedeckt über Präferenzen. Und also weisen sie auch öffentlich zurück, ihre Stimme wäre dem einen oder anderen Kandidaten schon sicher.

Zum Standard-Repertoire von ORF-Wahlen zählt auch: Wer lange pokert, kann möglichst viel herausschlagen – beim dann wahrscheinlichsten nächsten General. (Harald Fidler, 3.6.2016)

  • Im ORF-Zentrum am Küniglberg hat die Pokersaison begonnen.
    foto: apa / herbert neubauer

    Im ORF-Zentrum am Küniglberg hat die Pokersaison begonnen.

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