Wiens Hauptkläranlage wird energieautark

6. Juni 2016, 08:58
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Durch Faulungsprozesse im Klärschlamm wird ab 2020 der Strombedarf gedeckt

Wien – Auf dem topografisch tiefsten Punkt der Stadt Wien wird auf der Höhe der Zeit geforscht. Das EOS-Projekt (Energie Optimierung Schlammbehandlung) könnte für die Abwasserreinigung in ganz Europa Vorbild sein. In der Hauptkläranlage Wien auf der Simmeringer Haide werden bis 2020 250 Millionen Euro investiert.

Das Projekt umfasst zum einen die teilweise Erneuerung der in den 70er-Jahren errichteten Anlage. "Das betrifft vor allem die Vorklärung und die erste biologische Reinigungsstufe. Es handelt sich einfach um ein Zeitfenster, nach dem bauliche, maschinen- und elektrotechnische Sanierungen notwendig werden", sagt Miklos Papp, Leiter des technischen Bereichs. Zum anderen wird die Kläranlage um eine Schlammbehandlung ergänzt.

Die Kläranlage reinigt die kommunalen Abwässer der Hauptstadt. Bei Trockenwetter sind das rund 500.000 Kubikmeter pro Tag. Aus dem dabei anfallenden Klärschlamm kann Klärgas, ein erneuerbarer Energieträger, gewonnen werden. In fünf Blockheizkraftwerken werden damit Strom und Wärme produziert. Aufgrund der Ergebnisse eines eineinhalbjährigen Versuchsanlagenbetriebs wird der Eigenbedarf ab 2020 sogar übertroffen", so Papp.

Der innovative Ansatz liegt laut Papp in der energetischen Optimierung des Gesamtsystems Abwasserreinigung und Schlammbehandlung. Gemeinsam mit dem Institut für Wassergüte, Ressourcenmanagement und Abfallwirtschaft der TU Wien wurde eine innovative Verfahrenstechnik entwickelt. So wird unter anderem dem Schlamm mittels Zentrifugen Wasser entzogen. Das spart Be hältervolumen, Investitionskosten, und es muss weniger Wasser aufgewärmt werden. Denn für die Bildung des Klärgases muss der Schlamm 25 Tage lang konstant auf 38 Grad Celsius erwärmt werden.

Sechs Faultürme

In Zukunft soll es sechs 35 Meter hohe Faultürme geben. Dort wird der Schlamm ständig in Bewegung gehalten. Unter Luftabschluss bauen anaerobe Bakterien die organischen Inhaltsstoffe des Klärschlamms ab. Während der Faulzeit steigt das Klärgas – es besteht zu zwei Dritteln aus Methan – in den Behältern auf. Über Gasleitungen gelangt es zu fünf Blockheizkraftwerken. Dort erzeugen Gasmotoren damit mechanische Energie, die über einen Generator in Strom umgewandelt wird. Die Bauzeit beträgt insgesamt sechs Jahre – auch weil der laufende Betrieb der Kläranlage gesichert werden muss.

"Lebensweg" beleuchten und optimieren

Für Umweltmanagementexperte Axel Dick von der Quality Austria ist das EOS-Projekt der Hauptkläranlage ein Pionierprojekt. Für ihn hat die Entwicklung zu immer "grünerer" Wirtschaft unterschiedliche Motive. Zum einen ist Rechtssicherheit für viele Unternehmen wichtig. Eine weitere wesentliche Motivation ist die Kosteneinsparung: Dazu gehören Müllvermeidung, Energie- und Wassereinsparung. Für die Zukunft werde es laut Dick immer interessanter, den gesamten "Lebensweg" von Produkten zu beleuchten. Neben Einsparungen können Unternehmen so auch ihr Image verbessern.

Schon jetzt gibt es in der Hauptkläranlage Wien zahlreiche umgesetzte Maßnahmen für nachhaltige Energiegewinnung, wie eine Wasserkraftschnecke und eine Kaplanturbine im Ablauf der Kläranlage, Fotovoltaik oder ein kleines Windrad. Dadurch konnte der jährliche Strombedarf um rund elf Prozent reduziert werden.

Ab 2020 wird die Kläranlage rund 78 Gigawattstunden Strom und 82 Gigawattstunden Wärme produzieren. Diese produzierten Energiemengen übersteigen den Eigenbedarf an Strom um 15 bzw. bei der Wärme um 42 Gigawattstunden, die als Überschuss ins öffentliche Netz eingespeist werden sollen. "Die Hauptkläranlage Wien wird somit zum Energie-Selbstversorger und leistet darüber hinaus durch den Einsatz erneuerbarer Energieträger bzw. durch die jährliche Reduktion von 42.000 Tonnen an CO2 auch einen wichtigen Beitrag zum Wiener Klimaschutzprogramm", sagt Papp. (Julia Schilly, 4.6.2016)

  • Miklos Papp ist Leiter des technischen Bereichs der Hauptkläranlage in Wien.
    foto: www.corn.at , heribert corn

    Miklos Papp ist Leiter des technischen Bereichs der Hauptkläranlage in Wien.

  • Im Zuge der Renovierungsarbeiten wird die Kläranlage energieautark. Zudem werden pro Jahr 42.000 Tonnen an CO2 eingespart.
    foto: der standard/matthias cremer

    Im Zuge der Renovierungsarbeiten wird die Kläranlage energieautark. Zudem werden pro Jahr 42.000 Tonnen an CO2 eingespart.

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