Lebensmittelrettung als Geschäftsmodell

8. Juni 2016, 09:00
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Cornelia Diesenreiter will Verschwendung mit Genuss bekämpfen: Aus "Abfall" und Überschuss kocht sie raffinierte Produkte

Wien – Das Schlaraffenland kann man sich so vorstellen: Es gibt nicht nur fast jedes erdenkliche Lebensmittel zu kaufen, sogar ein Drittel des Abfalls ist noch essbar. Dieses Szenario ist Realität: Jedes Jahr werden laut einer Studie der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) weltweit rund 1,3 Milliarden Tonnen an noch genießbaren Lebensmitteln weggeworfen. Das entspricht einem Drittel der weltweiten Produktion.

Für Cornelia Diesenreiter war das zwar nicht neu; bereits in Wien beschäftigte sie sich im Rahmen ihres Boku-Studiums des Ressourcen- und Umweltmanagements mit diesem Thema. Überraschend war es für sie jedoch, in welchem Ausmaß verschwendet wird. Während ihres weiterführenden Studiums "Design and Innovation for Sustainability" in England untersuchte sie 1,5 Tonnen Restmüll – 400 Kilogramm davon waren Nahrung.

Die 29-Jährige wollte eine "genussvolle Lösung" finden, berichtet sie dem STANDARD. "Eine 'Zeigefingernachhaltigkeit' halte ich für nicht zielführend", sagt sie. Daher gründete die Oberösterreicherin 2015 mit "Unverschwendet" ihre eigene Firma, in der sie Obst und Gemüse, das Privatpersonen übrig geblieben ist oder das nicht mehr für den Markt geeignet ist, zu Chutneys, Sirups und Marmeladen verkocht.

Im vergangenen Jahr hat die Jungunternehmerin 600 Kilogramm Lebensmittel vor dem Mistkübel gerettet und damit rund 3.000 Gläser produziert. Mit ihrem kleinen Auto fuhr sie Bauernhöfe ab. Das Angebot war groß, sagt sie: "Ich bin schnell an meine Grenzen gestoßen." Nach einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne will sie nun die Ressourcen aufstocken: Profi-Küchengeräte, ein Lieferwagen und Mitarbeiter für die Küche sollen dabei helfen. Für 2016 plant sie bereits, fünf Tonnen Nahrung zu verarbeiten.

Mistkübel statt Teller

Auch in Österreichs Kühlschränken schlummern viele ungenutzte Vorräte. In der Europäischen Union werden laut Erhebungen der FAO jedes Jahr pro Person fast 180 Kilogramm an noch genießbaren Lebensmitteln weggeworfen. Gemäß der von der EU finanzierten Untersuchung "Preparatory study on food waste across EU 27" gehen sogar 42 Prozent der weggeworfenen Nahrung auf das Konto der privaten Haushalte. Grunde dafür sind etwa eine schlechte Einkaufsplanung oder die zu genaue Einhaltung des Ablaufdatums. 39 Prozent landen bei den Herstellern im Abfall, 14 Prozent in der Gastronomie und fünf Prozent bei den Einzelhändlern.

Zurück in Wien, fiel Diesenreiter vor allem eines auf: Es gab kaum Initiativen und Projekte, die Essen vor der Mülltonne retten. Doch auch strukturell entdeckte sie Fehler: "Bauern müssen mehr produzieren, damit selbst bei Wetterproblemen nie ein Lieferengpass entstehen kann. Sonst verlieren sie ihren Listungsplatz bei den Supermärkten." Zu gewissen Jahreszeiten haben die Landwirte daher eine größere Ernte als Abnehmer. Obst und Gemüse in Bioqualität wird aber auch deshalb nicht mehr eingekauft, weil es zu groß, zu klein oder zu krumm ist. Nur langsam finden etwa unter dem Begriff "Wunderlinge" auch nicht perfekte Früchte in die Supermarktregale.

An die Zutaten für die Unverschwendet-Produkte setzt Diesenreiter ebenfalls hohe Ansprüche. Jedoch nicht, was das Aussehen anbelangt. Sie achtet vor allem darauf, dass das Obst und Gemüse nicht gespritzt wurde. In diesem Jahr wird sie chemische Tests durchführen lassen, um ihren Kunden in diesem Bereich Sicherheit zu geben.

3.000 Gläser schnell ausverkauft

"Das alles ist nicht nur ein großes Problem, sondern hat auch ein großes Potenzial", erklärt Diesenreiter ihren Geschäftsansatz. Die 3.000 Gläser der ersten Produktionsphase waren innerhalb von drei Wochen ausverkauft. "Es ist schön zu sehen, dass auf beiden Seiten große Nachfrage besteht", sagt sie. Die Landwirte sind froh, wenn sie ihre Ernte nicht vernichten müssen, und die Kunden kaufen sich noch ein Stück gutes Gewissen mit ein.

Die gelernte Köchin inspiriert die Käufer zudem zu ungewöhnlichen Kombinationen. Im Sortiment hatte Unverschwendet im Vorjahr zum Beispiel Birne-Chili-Gelees, die etwa gut zu einem Grillhendl passen. Im Rosmarinsirup werden Potato-Wedges eingelegt. Ziegenkäsebrötchen können mit den karamellisierten Zwiebeln getoppt werden. In Zukunft plant sie, Essiggurkerln, Ketchup und Schnaps in das Sortiment aufzunehmen.

Seit Dezember kooperierte Unverschendet zudem mit der Wiener Tafel. Diesenreiter kocht mit armutsbetroffenen Menschen, wie zum Beispiel Jugendlichen und Flüchtlingen, "Marmelade mit Sinn" ein. (Julia Schilly, 8.6.2016)

  • In der EU werden jedes Jahr pro Person fast 180 Kilogramm an noch genießbaren Lebensmitteln weggeworfen – teilweise direkt aus dem Supermarktregal heraus.
    foto: apa/jens büttner

    In der EU werden jedes Jahr pro Person fast 180 Kilogramm an noch genießbaren Lebensmitteln weggeworfen – teilweise direkt aus dem Supermarktregal heraus.

  • Lebensmittelverschwendung ist ein Problem. Cornelia Diesenreiter hat darin aber auch Potenzial entdeckt.
    foto: unverschwendet.at

    Lebensmittelverschwendung ist ein Problem. Cornelia Diesenreiter hat darin aber auch Potenzial entdeckt.

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