Neue Gesamtausgabe: Der komplette Jandl

Interview4. Juni 2016, 17:00
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Am 9. Juni vor 16 Jahren starb Ernst Jandl. Der Lektor und Herausgeber Klaus Siblewski über die neue Jandl-Gesamtausgabe, Textarbeit und Leseglück

Es gibt wenige Verlagslektoren, die Großteile oder gar das gesamte Werk eines Autors begleiten – etwa Delf Schmidt im Fall von Elfriede Jelinek. Klaus Siblewski vom Luchterhand-Verlag hat wiederum die wesentliche Phase der Werkausgaben von Ernst Jandl als Lektor und Herausgeber betreut. 1990 gab es Jandls Werke in drei Bänden, 1997 in zehn Bänden. Nun, mehr als 15 Jahre nach dem Tod des Autors, liegt die wohl ultimative Ausgabe in sechs umfangreichen Bänden vor. Klaus Siblewski im Gespräch über die Arbeit mir Ernst Jandl und darüber, was die neue Werkausgabe ausmacht.

STANDARD: Wann hat Ihre Zusammenarbeit mit Ernst Jandl begonnen?

Siblewski: Das war 1980. Schon drei, vier Jahre später gab es die ersten Überlegungen zu einer Werkausgabe. Und es hat sich bald herausgestellt, welche Qualifikationen jemand als Herausgeber besitzen muss. Bei Jandl, der äußerst viele Gedichte geschrieben hat, die zum Teil Visuelle Poesie sind oder auch als Lautgedichte formale Besonderheiten aufweisen, benötigt man neben der klassischen Lektoratsarbeit Kenntnisse in Sachen Herstellung. Es geht darum, wie man 1000 Gedichte so auf die jeweiligen Seiten platziert, dass die literarische Inszenierung stimmt.

STANDARD: Hat Jandl auf Ihren Rat gehört?

Siblewski: Na ja, er war auf eine eigene Weise für Ratschläge zugänglich. Er war nicht zugänglich für Beratung in einzelnen Teilen von Gedichten. Ich glaube, ich habe insgesamt zehn Vokabeln während meiner Lektoratstätigkeit von über 20 Jahren irgendwie ausgetauscht. Die Zusammenarbeit bei seiner Lyrik hat sich auf einer anderen Ebene abgespielt.
Er hat mir häufiger neue Gedichte vorgelesen. Und er wollte ein Urteil haben. Das bestand darin: Ist das Gedicht für mich gut und nachvollziehbar – ja oder nein! Und wenn ich dann gesagt habe: Na, weißt du, nicht so. Dann hat er gesagt: Prima, danke! Das reicht mir als Reaktion. Und er hat dann dieses Gedicht zur Seite gelegt und weiter überlegt.

STANDARD: Das Telefon war dabei Ihr ständiges Kommunikations medium.

Siblewski: Ich habe unendlich viel mit Jandl telefoniert, weil sich relativ schnell bei der Zusammenarbeit die Rollenverteilung her auskristallisiert hat. Ich habe nämlich sehr viele Dinge, auch organisatorische, von Ernst Jandl übernommen, damit er den Freiraum hatte, sich mit seinen eigenen Arbeiten zu beschäftigen. Deswegen haben wir über sehr vieles telefoniert, nicht nur über Gedichte.

STANDARD: Jandls Gedicht "wien: heldenplatz" ist eines seiner berühmtesten. Zugleich ist es sprachlich sehr vielschichtig – also nicht gerade einfach zu verstehen.

Siblewski: Also es ist ein ungeheuer komplexes Gedicht. Und zwar weil es tatsächlich versucht, eine biografische Situation in dichterisch adäquate Form zu bringen. Als Hitler auf dem Heldenplatz gesprochen hat, befand sich der junge Ernst Jandl in der Menge. Und er hat versucht, sprachlich dieser Situation – und zwar seinen inneren Gefühlen als auch der hysterisierten Masse, als auch der Rede, die da von oben herunterdonnerte – gerecht zu werden. Das ist ihm aus meiner Sicht meisterlich gelungen. Ich glaube, das ist eines der ganz großen Gedichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dieses Gedicht wird bleiben und belegt für mich den unangefochtenen Rang dieses Autors.

STANDARD: Wie lektoriert man Gedichte, die man eigentlich laut lesen muss?

Siblewski: Ich habe nicht nur innerlich versucht, diese Gedichte zu intonieren, sondern mir hat es sich unmittelbar mitgeteilt, dass man sie durchaus laut vortragen müsste. So bin ich im Verlag häufig zu Kollegen in die Nachbarzimmer gegangen und habe gesagt: Ich muss euch jetzt was vorlesen, und zwar ein neues Gedicht von Ernst Jandl. Es ist super! Jetzt hört mal zu! Auch wenn die Kollegen ab und zu mit den Augen gerollt haben, habe ich da keine Gnade gekannt.

STANDARD: Im Gedicht "verwandte" sagt Jandl über sich, er sei der "Onkel" der Wiener Gruppe. Zwischen Jandl und der Gruppierung um H. C. Artmann gab es durchaus Spannungen.

Siblewski: Gerhard Rühm beispielsweise, aber auch Artmann haben im Grunde genommen Jandl die semantischen Eindeutigkeiten, die seine Gedichte besaßen, ein Stück weit verübelt. Und sie haben deswegen Jandl für eine gewisse Zeit wirklich auf Distanz gehalten. Das war Mitte der
1950er-Jahre. Dann hat langsam ein Annäherungsprozess zwischen diesen Autoren begonnen. Aber das, was Jandl geschmerzt hat, war, dass er nie an den Aufführungen der Wiener Gruppe selber beteiligt gewesen ist, obwohl er wusste, dass seine Gedichte eine große Aufführungsqualität und Wirkung aufs Publikum haben.

STANDARD: Wie sieht die neue Jandl-Werkausgabe aus – was ist "neu" an ihr?

Siblewski: Das Neue an dieser Werkausgabe ist, dass es das komplette veröffentlichte Werk enthält – und zwar durch alle Gattungen hindurch: Gedichte, Prosa, Hörspiele, Theaterstücke, essayistische Arbeiten. Man hat jetzt den kompletten Jandl. Es gibt zudem in den ersten fünf Bänden je eine Abteilung, die heißt "Aus Ordnern und Mappen". Und dort stehen
die unveröffentlichten Texte von Ernst Jandl, also Texte aus dem Nachlass. Ernst Jandl war ein Autor, der dauernd geschrieben hat, der sehr viel an verschiedenen Dingen immer weiter gearbeitet hat. Und der – was selbst überraschend für mich war, der ich sehr lange mit ihm zusammengearbeitet habe – über ein großes, bislang verborgenes Werk verfügt. Insofern reicht die jetzige Werkaus gabe deutlich über das bislang Veröffentlichte hinaus. Übrigens kann man jetzt auch die Illustrationen des Autors kennenlernen, die er einzelnen seiner Buchpu blikationen in kleineren Verlagen beigefügt hat.

STANDARD: Jandls Gedichte ge hören heute zum progressiven lyrischen Volksgut. Ganz anders verhält es sich mit Jandls Texten, die Fragen der Poesie behandeln – die kennt kaum jemand.

Siblewski: Dabei sind diese Texte zentraler Bestandteil von Jandls Œuvre! Ich möchte es so sagen: Die ersten vier Bände der neuen Werkausgabe beinhalten die Gedichte, in Band sechs befinden sich die essayistischen Arbeiten. Und so sind die ersten vier Bände ohne den sechsten Band nicht denkbar. Warum? Weil Jandl sein Schreiben im Grunde mit poetischen Reflexionen begleitet hat.
In seinen essayistischen Arbeiten hat er eine Art von Protokoll seiner Arbeiten geliefert. Durch dieses poetische und poetologische Nachdenken ist er zu neuen Gedichten gekommen. Es war für ihn ein Halt beim Schreiben, also etwas ganz Essenzielles.

STANDARD: Ernst Jandl war der perfekte Rezitator seiner Gedichte. Wie soll man dessen Texte lesen, sozusagen als Vortragender innerhalb der eigenen vier Bücherwände?

Siblewski: Ich würde jedem raten, damit zu beginnen, was man bei anderen Gedichten nämlich auch tut: zu lesen. Und wenn ein Leser das auch noch laut tut, wird er verblüfft sein, wenn er auf diese Weise schlicht liest, was auf den Seiten steht. Er wird nämlich auf diese Weise selber jeden Text zum Leben bringen. Und als Leser wird man dabei ein großes Glück empfinden. Denn man wird merken, dass es nicht nur funktioniert, sondern großen Spaß macht, Gedichte von Ernst Jandl laut zu lesen, um dann zu spüren, was alles in diesen Gedichten tatsächlich enthalten ist. (Andreas Puff-Trojan, Album, 4.6.2016)

  • Ein großes verborgenes Werk: Die neue Ernst-Jandl-Werkausgabe verfügt in den ersten fünf Bänden über eine Abteilung "Aus Ordnern und Mappen" mit Texten aus dem Nachlass.
    foto: brigitte friedrich / sz-photo / picturedesk.com

    Ein großes verborgenes Werk: Die neue Ernst-Jandl-Werkausgabe verfügt in den ersten fünf Bänden über eine Abteilung "Aus Ordnern und Mappen" mit Texten aus dem Nachlass.

  • Ernst Jandl, "Werke in sechs Bänden". Hrsg. v. Klaus Siblewski. € 101,80 / 3712 Seiten. Luchterhand, München 2016. Die Bände der Werkausgabe sind auch einzeln erhältlich.
    foto: luchterhand

    Ernst Jandl, "Werke in sechs Bänden". Hrsg. v. Klaus Siblewski. € 101,80 / 3712 Seiten. Luchterhand, München 2016. Die Bände der Werkausgabe sind auch einzeln erhältlich.

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