Filmretrospektive: Die heimliche Faszination am Terror

3. Juni 2016, 16:25
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Lebende Bomben, nihilistische Antihelden: Die Retrospektive "Terror im Blick" des Filmarchivs Austria

Wien – Kinder spielen Fußball in einem Elendsviertel an den Rändern der Stadt Casablanca. Das Spiel eskaliert, einer der Jungen, Hamid, will seinen jüngeren Bruder Hachine verteidigen und geht mit einer Kette auf die anderen los. Die Gewalt schwelt hier nah unter der Oberfläche. Sie kann gebündelt und auf ein Ziel gerichtet werden. Hamid und Yachine werden als Erwachsene ein Restaurant und sich selbst in die Luft sprengen, als Gotteskrieger.

Nabil Ayouchs Les chevaux de Dieu (Die Pferde Gottes) ist einer der zentralen Filme des Programms Terror im Blick. Film Macht Kino, das seit Freitag im Metro Kinokulturhaus gezeigt wird. Der Blick auf den Terror bleibt im Falle dieses Films distanziert. Die Bilder zeigen ohne Sensationslust, wie schnell Menschen sich unter bestimmten Voraussetzungen in lebende Bomben verwandeln lassen. Nur die sparsam eingesetzte Klaviermusik lässt erkennen, dass um die Kinder, die zu Mördern werden, und um deren Opfer getrauert wird.

leschevaux dedieu

Les chevaux de Dieu ist in seiner Zurückhaltung eher untypisch für das Kino, das sich Gewaltakte als Sujet nimmt. Der Terrorist übernimmt auf der Leinwand verschiedene Funktionen: Jeder Film über terroristische Gewalt ist zumindest implizit ein politischer Film. Der Terrorist ist außerdem ein Rätsel, das gelöst werden soll, und er ist Erzeuger von Suspense. Nicht zuletzt fungiert er als Auslöser des Kinospektakels: Er sorgt dafür, dass es auf der Leinwand kracht, während wir sicher im Kinosessel sitzen.

Nur wenige der Filme des Programms erzählen von den islamistischen Formen des Terrors. Der britische Four Lions (2010) etwa, der beweist, dass man Planung und Durchführung eines Selbstmordattentats auch als Komödie erzählen kann. Oder Bruno Dumonts Hadewijch (2009), der über die Transformation von spiritueller Religiosität in Gewalt meditiert. Ein großer Teil der Filme jedoch handelt vom politisch motivierten Terror im Europa der Siebziger- und Achtzigerjahre. Einer der Schwerpunkte ist die immer wieder neu aufflammende Auseinandersetzung mit der RAF.

studiocanaluk

Zu sehen sind etwa Andres Veiels Dokumentarfilm Back Box BRD, oft gezeigte Klassiker wie der Episodenfilm Deutschland im Herbst oder von Trottas Film über die Ensslin-Schwestern, Die bleierne Zeit. Aber auch der in aufschlussreicher Weise gescheiterte Baader von 2002, der den Helden in einem Bonnie and Clyde-artigen Kugelhagel untergehen lässt.

Die spannendsten Filme des Programms sind die, die von weniger umfassend auserzählten Episoden terroristischer Gewalt (und staatlicher Gegengewalt) berichten. Zum Beispiel der in der Türkei verbotene Dokumentarfilm Bakur (2015), ein Porträt von PKK-Kämpferinnen und -Kämpfern im Grenzgebiet zwischen Syrien und der Türkei. Spröde ist Tiro en la Cabeza (2008), dessen Tonspur nur aus Umgebungsgeräuschen besteht, während die Kamera die Bildkomposition von Überwachungsapparaturen imitiert und einen Mann begleitet, der am Ende zur Waffe greifen wird.

zagros newroz median aryan kurdistan

Einer der wenigen asiatischen Filme des Programms zeigt, dass die heimliche Faszination, die im filmischen Blick auf den Terror als Spektakel mitschwingt, auch manifest werden kann. Tsui Harks garstiger Di Yi Lei Xing Wei Xian (Söldner kennen keine Gnade, 1980) lässt gleich zu Beginn ein Kino explodieren und ist, bei allem schwarzen Humor, auf der Seite seiner Bomben legenden Antihelden; zumindest insofern, als er deren Nihilismus zu teilen scheint. Die dem Filmblick auf den Terror inhärente Vermischung von Angst, Faszination und politischer Aufladung bildet eine Klammer des Programms. Die Ambivalenzen, die mit dem jeweiligen Mischverhältnis einhergehen, lassen sich anhand der vierzig Filme sehr gut nachvollziehen. (Benjamin Moldenhauer, 3.6.2016)

  • Frauen, die Männern den Garaus machen: In Rudolf Thomes  "Rote Sonne" (1970) hat der Terror eine emanzipatorische Note.
    foto: kinowelt

    Frauen, die Männern den Garaus machen: In Rudolf Thomes "Rote Sonne" (1970) hat der Terror eine emanzipatorische Note.


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