Faires Smartphone: "Man kann Bergbau im Kongo nicht über Nacht ändern"

6. Juni 2016, 08:59
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Fairphone will Handys unter möglichst fairen Bedingungen herstellen. Managerin Bibi Bleekemolen erklärt, wie faires Gold ins Handy kommt

STANDARD: Wie entstand die Idee zu Fairphone?

Bibi Bleekemolen: Fairphone ist 2010 als Kampagne zur Bewusstseinsbildung für Rohstoffe aus Konfliktgebieten, etwa im Osten des Kongo, gestartet. Wir wollten mit der Geschichte der Smartphones die Probleme der Minenarbeiter im Kongo mit den Konsumenten in Europa in Verbindung bringen. Daher starteten wir selbst mit dem Bau eines Telefons, um die Lieferketten besser zu verstehen, die bei Smartphones anders sind als bei fair gehandelten Bananen oder Schokoladen, bei denen es nur wenige Zwischenschritte gibt.

Standard: Wie sehen die Lieferketten bei einem Smartphone aus?

Bleekemolen: Es besteht aus hunderten Komponenten mit individuellen und weltweiten Lieferketten. 2013 haben wir zu produzieren begonnen und dabei Schritt für Schritt die Lieferketten hinter dem Smartphone verbessert -nicht nur bei Rohstoffquellen, sondern auch durch das Design, die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in Fertigungen oder beim Recycling.

Standard: Wie sieht das Konzept für faire Rohstoffe aus?

Bleekemolen: Im Bereich Mining haben wir bisher Projekte zu vier konfliktbeladenen Rohstoffen gestartet: Zinn, Tantal, Wolfram und Gold. Dafür kooperieren wir mit Initiativen im Kongo, in Ruanda und Peru. Wir ermutigen Lieferanten, deren Rohstoffe zu beziehen. Wir verwenden auch recyceltes Kupfer. Insgesamt enthalten die Geräte aber etwa 40 Rohstoffe.

Standard: Wie schaffen Sie die Umstellung einer Lieferkette?

Bleekemolen: Gold ist unsere jüngste Errungenschaft. Wir sind das erste Elektronikunternehmen mit einer Fairtrade-Lizenz. Dafür gab es bisher kein Geschäftsmodell. Im Moment wird das Gold der Fairtrade-Initiative vor allem für Schmuck verwendet. Goldsalz wird verwendet, um Platinen zu beschichten. Wir besuchten den Lieferanten in China, der noch nie von Fairtrade gehört hatte. Wir konnten ihn mit einer schweizerischen fairtradelizenzierten Raffinerie zusammenbringen. Die mit Fairtrade-Gold beschichteten Platinen kommen vom österreichischen Produzenten AT&S.

Standard: Um welche Menge geht es da?

Bleekemolen: Das Projekt verändert nicht die Welt der Minenarbeiter in Peru – wir brauchen für 100.000 Platinen nur 100 Gramm Gold. Was es bringt, ist, dass wir bei den Unternehmen entlang der Lieferkette Bewusstsein schaffen. Wir können in die Debatte eingreifen und Konsumenten mobilisieren. Wir setzen ein Beispiel, um das System zu ändern.

Standard: Warum ist es so schwer, ethische Standards zu etablieren?

Bleekemolen: Weil die Komplexität der Lieferketten so hoch ist, aber auch weil wenig Marktmotivation da ist, die Lieferketten auf verantwortungsvoll gewonnene Rohstoffe umzustellen. Das ändert sich gerade. Man kann den Bergbausektor im Kongo nicht über Nacht ändern. Aber es ist nicht unmöglich. Vor drei Jahren gab es eine Mine im Kongo, die konfliktfreies Zinn anbot, heute sind dutzende Teil dieser Initiative.

Standard: Wie werden die Preise für das Produkt kalkuliert?

Bleekemolen: Das Fairphone 2 kostet 529 Euro, was mit anderen Smartphones im oberen Preissegment vergleichbar ist. Unsere Initiativen geben uns die Möglichkeit, unsere Lieferkette besser kennenzulernen und dadurch effizienter zu sein. Unsere Marge liegt bei neun Euro pro Gerät, die reinvestiert werden.

Standard: Welche Projekte kommen als Nächstes?

Bleekemolen: Das Fairphone 2 ist für uns ein Meilenstein. Das modulare Design verlängert die Lebensdauer. Wir können Upgrades bieten und kaputte Teile austauschen. Die Partnerschaften mit den Lieferanten haben aber erst begonnen. Wir versuchen die Arbeitsbedingungen in den Fertigungen zu beeinflussen. Soziale Verbesserungen benötigen mehr Zeit als Umweltschutz. Wenn man einen Weg findet, Energie einzusparen, sind die Unternehmen schneller dabei, als wenn die Löhne der Arbeiter steigen sollen. (Alois Pumhösel, 4.6.2016)

Zur Person

Bibi Bleekemolen ist beim Smartphone-Hersteller Fairphone in Amsterdam für den Bereich Partnerships and Public Engagement zuständig. Sie entwickelt Strategien, die die Situation rund um Konfliktrohstoffe, Arbeitsbedingungen und Abfall verbessern.

  • Die Arbeitsbedingungen in den meisten Goldminen sind verheerend. Das Edelmetall landet auch in Smartphones. Fairphone ist der erste Elektronikhersteller mit einer Fairtrade-Lizenz für Gold.

    Die Arbeitsbedingungen in den meisten Goldminen sind verheerend. Das Edelmetall landet auch in Smartphones. Fairphone ist der erste Elektronikhersteller mit einer Fairtrade-Lizenz für Gold.

  • Bibi Bleekemolen arbeitet bei Smartphone-Hersteller Fairphone in den Niederlanden.
    foto: fairphone

    Bibi Bleekemolen arbeitet bei Smartphone-Hersteller Fairphone in den Niederlanden.

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