Julya Rabinowich: Betrachtungen zum Schulschluss

3. Juni 2016, 17:00
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Das Schuljahr neigt sich nun dem Ende zu. Die außerordentlichen Schüler warten darauf, ordentliche zu werden

Immer wieder ist der Spracherwerb frisch Angekommener Thema verbissener Diskussionen, die nicht unbedingt konstruktiv verlaufen. Es kommt das Gefühl auf, es ginge gar nicht um Deutscherwerb, sondern um das Ausloten der zu überschreitenden Grenzen.

Dabei ist das Erlernen der Sprache ein unverzichtbarer Bestandteil eines jeden Ankommens. Vor allem Schulen sind zukünftige Schmelztiegel, die Ressourcen erhalten müssen, um gerechte Chancen geben zu können. Kinder erlernen Sprachen schnell und auf fast spielerische Art und Weise, sie sind offener für Neues und schneller bereit, sich zu blamieren als Erwachsene.

Der Sprung ins kalte Wasser, das ich selbst im Alter von sieben Jahren in Österreich erlebte, als ich vollkommen deutschlos in der zweiten Klasse Volksschule landete, war eine Herausforderung an mich und an meine Lehrerin. Bis heute bin ich ihr dankbar, dass sie mich weder erniedrigt noch ausgegrenzt hat, bis jetzt betrachte ich dieses erste Halbjahr, damals noch "aufgrund der Sprachunkenntnis unbenotet", als jenen Grundstein, der zu einem firmen Fundament wurde.

Überholt das Kind jedoch beim Spracherwerb die Eltern, führt das unweigerlich zu einer Umkehrung der Familienstruktur, zu einem Auf-den-Kopf-stellen der Rangordnung und der Verantwortlichkeit.

Das Kind wird eingekerkerter Wortkönig, vom eigenen Hofstaat gefangen gehalten. Große werden abhängig von Kleinen. Das gibt dem Kind ein trügerisches Gefühl von Macht und gleichzeitiger Ohnmacht, denn es ist immer noch den Eltern ausgeliefert, Eltern allerdings, die ohne es nach Worten ringen wie Fische auf dem Trockenen. Dennoch ist es noch nicht Teil der neuen Umgebung.

Das Schuljahr neigt sich nun dem Ende zu. Die außerordentlichen Schüler warten darauf, ordentliche zu werden. Sie werden auf ihrem Weg engagierte und weniger engagierte, erschöpfte oder hoffnungsfrohe Lehrende getroffen haben. Ich denke an mich zurück, und ich wünsche ihnen allen bestes Gelingen. (Julya Rabinowich, 4.6.2016)

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