Gefangen im Dogma der Parkplatzmaximierung

3. Juni 2016, 17:00
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Mehr als ein Drittel der öffentlichen Fläche gehört den Autos – Ein Verkehrsexperte fordert weniger Parkplätze

Wien – Verkehr braucht Fläche. Aber diese ist begrenzt. Würden alle Wiener anstelle der öffentlichen Verkehrsmittel mit Autos fahren, würden rund dreimal so viele Verkehrsflächen gebraucht werden. Würden andererseits alle Wege mit Bus, Straßen- und U-Bahn zurückgelegt werden, würden rund 500 Hektar Fläche frei. Diese Zahlen liefert ein Forschungsprojekt der TU Wien, der Ressourcen-Management-Agentur und der Wiener Linien.

Wie effizient die Fläche in Wien genutzt wird, war vor dieser Untersuchung weder für den öffentlichen noch für den individuellen Verkehr bekannt, berichtet Markus Ossberger, bei den Wiener Linien für Infrastruktur und Planung zuständig. Dadurch fehlte die Grundlage für einen sparsameren Umgang im Verkehrsbereich. Unter Flächeneffizienz ist hier das Verhältnis von der erbrachten Verkehrsleistung eines Jahres – den sogenannten Personenkilometern (Pkm) – und der für das Verkehrsmittel bereitgestellten Verkehrsfläche zu verstehen, das in Pkm/ha angegeben wird.

Die Stadt Wien hat eine Fläche von 41.487 Hektar. Der individuelle Verkehr beansprucht davon bei einem Modal-Split-Anteil von 27 Prozent – in der Verkehrsstatistik wird damit die Verteilung des Transportaufkommens auf verschiedene Verkehrsmittel bezeichnet – rund sechs Prozent der Fläche. Die Wiener Linien benötigen bei einem Modal-Split-Anteil von 39 Prozent rund ein Prozent der Gesamtfläche.

Wenn man die Parkplätze einbezieht, beträgt die Flächeneffizienz des Individualverkehrs etwa 1,5 Millionen Pkm/ha. "Dabei kommen die Autos noch günstig weg, da nur Stellplätze im öffentlichen Raum und nicht in Innenhöfen oder Garagen erfasst wurden", sagt Ossberger. In Summe haben die Wiener Linien hingegen eine Flächeneffizienz von 6,5 Millionen Pkm/ha. Die Öffis nutzen damit die Flächen viermal so effizient wie der Individualverkehr. Die U-Bahn nutzt die Fläche sogar 20-mal effizienter. Die Straßenbahn ist rund viermal so effizient.

Parken ist zu billig

Ein Schalthebel ist der Stellplatz, sagt Harald Frey vom Institut für Verkehrswissenschaften der TU Wien. Je bequemer der Parkplatz liegt, umso öfter wird das Auto genutzt. Das Flächenproblem im öffentlichen Raum entstehe auch dadurch, dass das Automobil 95 bis 98 Prozent der Zeit gar nicht mobil ist. "Dadurch steht der Raum nicht für Fußgänger, Radfahrer, Schanigärten oder Grünfläche zur Verfügung", sagt Frey. Ein Drittel bis zur Hälfte des öffentlichen Raums steht in Wien allein dem ruhenden Verkehr zur Verfügung.

"Wie schwierig es ist, diesen Platz zurückzuerobern, zeigen viele Diskussionen der vergangenen Jahre. Wir sind nach wie vor in einem Dogma der Parkplatzmaximierung gefangen", so der Verkehrsexperte. Das decke sich nicht mit einer Stadt der Zukunft, deren Fokus Ruhe, Sicherheit und gute Luft sein sollte. "Das Auto nutzt mehr Fläche, als ihm laut Marktanteil zusteht. Es gilt nachzudenken, wo man diese reduzieren kann", sagt auch Ossberger.

Zulassungsstatistik berücksichtigen

Eine Lösung wäre, den Parkraum auf die Zulassungsstatistik anzugleichen. Denn in den Bezirken zwei bis neun, 15, 18 und 20 gehen die absoluten Zahlen der zugelassenen Autos seit 2003 zurück. Dafür stieg die Bevölkerung um fünf bis zehn Prozent. "Diese Divergenz gilt es aufzulösen", sagt Frey. Denn zusätzlich seien mit Garagen mehr Parkplätze geschaffen worden.

Parken sollte zudem mehr kosten, denn die gesellschaftlichen Kosten durch den Platzverlust sind hoch, so der Experte. Doch Parken für private Zwecke werde im öffentlichen Raum weiterhin massiv subventioniert.

Es brauche andere Bilder in den Köpfen, wie Straße aussehen kann. Als Beispiel nennt Frey die Mariahilfer Straße: "Das Leben ist zurückgekehrt, auch abseits von Konsum. In Nebengassen würde das auch funktionieren. Dafür müssten Parkplätze weichen."

Dabei ändern sich die Anforderungen der Bevölkerung: Laut Statistik Austria gibt es rund 4,08 Millionen Pkws, die Zahlen sinken seit Jahren. So wurden 1993 in Wien 40 Prozent aller Wege mit dem Auto zurückgelegt, 2012 nur noch 27 Prozent. Die Passagierzahlen der Wiener Linien steigen hingegen stetig. Im Vorjahr wurde mit rund 939 Millionen Personen ein Rekord erreicht. In Wien werden 73 Prozent aller Wege mit Öffis, zu Fuß oder mit dem Fahrrad bestritten. (Julia Schilly, 4.6.2016)

Hintergrund

Die Wiener Linien betreiben mit 179 Linien das größte und ständig wachsende Verkehrsnetz Österreichs. Die U-Bahn und die Straßenbahn verfügen zusammen über eine Baulänge von 261 Kilometer. Insgesamt wird durch Autobus, Straßenbahn und U-Bahn eine Linienlänge von 1.128 Kilometer befahren.

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    foto: apa/georg hochmuth

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